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Lausitzer Rundschau, 02.01.2008
Finsterwalder kämpfen gegen Wohnblockabriss Finsterwalde. Die Nachricht hat sie mitten ins Herz getroffen: Das Haus, in das sie vor knapp zehn Jahren eingezogen sind, soll abgerissen werden: Stadtumbau heißt es nüchtern. Für Bernd und Ilona Husemann aus Finsterwalde (Elbe-Elster) ist es das dritte Mal, dass sie sich von einem Fleckchen Erde, mit dem sie sich vertraut gemacht hatten, unfreiwillig trennen sollen.
Was Zugvögeln beinah Alltäglichkeit ist, schmerzt die bodenständigen Lausitzer: wieder ein Stück Heimat aus der Seele reißen.Dabei finden die 49-Jährige und ihr zwei Jahre älterer Mann den Plattenbau aus den 80er-Jahren in Finsterwaldes Osten nicht wirklich schön. Zwar sind die Häuser wegen ihrer kleinen Wohnküche mit Fenster, die einer Essecke Platz bietet, zu jener Zeit für viele Lausitzer begehrter als ihre Plattenbauschwestern. Nur die, für die der Kohle-Ersatzbau damals vor allem entsteht, können sich schwer mit ihm anfreunden: die Bergheider. Denn solche Häuser sollen Anfang der 80er-Jahre an die Stelle eines Dorfes treten, das, wenige Kilometer östlich von Finsterwalde „wohl das schönste hier in der Gegend war“. Wenn Bernd Husemann das heute sagt, nickt ihm seine Ilona wehmütig zu. In Gedanken sieht sie die blühenden Wiesen auf dem Weg von Lichterfeld nach Bergheide, den Rodelberg vorm Haus, kennt noch genau die wunderbare Aussicht über die hügelige Landschaft. Sie weiß von der Bäckerei der Großeltern, weiß, wie Kirche, Gaststätte und kleine Geschäfte das alltägliche Leben erleichtern und wie die Kinder aus der Umgebung in die Polytechnische Oberschule kommen. Einer davon ist Bernd Husemann aus dem benachbarten Klingmühl. Dem Dorf, das später in der Lausitz zu einem der Symbole des Widerstandes gegen den Kohlebergbau wird. Dessen buntes Leben prägt seine Kindheit. Mit selbst gemachter Musik und Puppentheater. In der Schule von Bergheide begegnen sich Ilona und Bernd. Nur ein paar Häuser weiter, „bei Tante Martchen unterm Dach“, bauen sie Mitte der 70er ihr erstes Nest. Kein Problem bei Bernds handwerklichen Geschick. Der muss „immer irgendetwas zu murkeln haben“, lächelt Ilona liebevoll. Er braucht eine kleine Werkstatt ebenso wie die frische Luft drumherum, die das Landleben bedeutet. Später, als die Zwillinge da sind, kann er dieses Gefühl von Freiheit in einer größeren Wohnung und im Garten ausleben. Die Familie ist glücklich, genießt das Miteinander der dörflichen Gemeinschaft, die Landschaft. Ihre Heimat. Der Klettwitzer Bagger kommt Dass in dieser Zeit der Abraumbagger des Klettwitzer Tagebaus immer näher rückt, verdrängen die meisten Bergheider aus ihrem Alltag. Sie arbeiten, ziehen zum Zempern bunt verkleidet durch den Ort, bestellen die Gärten, ernten und schlagen den Weihnachtsbaum im Wald am Dorfrand, wenn sie dem Revierförster fünf Mark der DDR dafür zahlen. Dabei ist schon lange im Gespräch, dass Bergheide, das vor der Nazi-Zeit noch Gohra hieß, aber auch danach diesen slawischen Namen nicht wiederbekommt, auf guter Braunkohle liegt. Da wird der Wald sowieso abgeholzt und die Erde umgewälzt. Vielleicht wollen das die Bergheider nicht an sich heranlasssen. Vielleicht wollen sie die Idylle noch so lange wie möglich auskosten. Vielleicht sehen sie auch keine Chance, dagegen anzukämpfen, weil sie wissen, dass Kohle und Energie Argumente sind, gegen die man in dieser Zeit nicht anzukommen scheint. So wird das Quietschen der Schaufelräder hinterm Haus immer lauter. Nach und nach machen sich Bergheider auf die Suche nach neuer Heimat. Möglichst nah der alten. In die extra für sie hingestellten Plattenbauten jedenfalls wollen die wenigsten. Auch wenn deren Standort einem Trostpflästerchen gleich „Bergheider Straße“ genannt wird. Ilona Husemanns Eltern ziehen, weil es mit dem eigenen Haus nicht klappen will, doch hierher. „Ich sehe noch vor mir, wie mein Vater den Hund samt Hundehütte auf den Schlitten packt und die zehn Kilometer bis Finsterwalde läuft.“ Ein lebendiges Stück Bergheide sollte mit in die Stadt. Doch der Hund fühlt sich nicht wohl. Er kommt aufs Land zurück zu Freunden. Auch Ilonas Vater kann sich nicht einleben. Er stirbt zwei Jahre nach dem Umzug. Mit gerade einmal 52 Jahren. „Aus Gram“, sagt Bernd, der Schwiegersohn, und schluckt. Er ist heute in diesem Alter. Die Kohle aber, auf der Bergheide stand, ist noch immer in der Erde. Der Tagebau Klettwitz-Nord ist seit Anfang der 90er-Jahre stillgelegt. Werkswohnung in Schacksdorf Ilona und Bernd Husemanns Wegzug aus dem sterbenden Bergheide hat dagegen etwas vom Glück im Unglück, auch, wenn die ersten selbst gepflanzten Obstbäume, die gerade zu tragen beginnen, vom Abraumbagger gefressen werden. Beide arbeiten Anfang der 80er-Jahre im Nachbarort Lichterfeld im neugebauten Klinkerwerk und können in eine Werkswohnung ins nahe Schacksdorf ziehen. Die liegt in der ehemaligen Fabrikantenvilla der Ziegelei. Hier hat Bernd wieder Raum zum Werkeln, richtet sich die Werkstatt ein. Wieder pflanzen Husemanns Obstbäume, knüpfen Kontakte im Dorf. Allmählich wird das Heimat. Gewonnen – und verloren Die Wende kommt. Nach einigem Hickhack, typisch für die Zeit zwischen Unsicherheit und Hoffnung, steht fest: Das Haus, in dem sie eine Wohnung haben, wird als Teil einer Konkursmasse versteigert. «Natürlich haben wir auch einmal kurz daran gedacht, es selbst zu kaufen» , sagen die beiden Husemanns. Doch wie sicher können sie sich ihrer Arbeit sein, da um sie herum jeder Vierte ohne leben muss« Auch Bernd muss schon manche Winterzwangspause einlegen. In solcher Zeit einen großen Kredit aufnehmen» Besser nicht. Und so reißen sie sich wieder ein Stück Heimat aus der Seele – und ziehen schließlich in den Wohnblock in der Stadt, in dem sie einigen alten Bergheidern wieder begegnen – in die Bergheider Straße. Zurück bleiben in Schacksdorf wieder einmal die Obstbäume. «Immer wenn die Bäume tragen, musst du gehen» , sagt Bernd Husemann, die Augenlider gesenkt, zu sich selbst. Klein ist die Dreiraumwohnung – und mit der Weite des ländliches Lebens hat sie nicht viel zu tun. Gut, dass Husemanns gleich in der Nähe eine Garage bekommen. Hier richtet sich Bernd erneut sein Stück Freiheit, die Werkstatt, ein. «Sonst würde ich in den vier Wänden kaputt gehen» , sagt er. Nahe des Wohnhauses wird der Garten zum Lebenselixier. «Im Sommer ist er unser Zuhause» , sagen beide. Sie genießen den Geruch der Erde, das Wachsen der Pflanzen, blühen selbst auf nach jedem Winter. «Wir sind vom Lande, wir brauchen das» , erklären sie und freuen sich schon jetzt wieder auf ihre Laube, in der Dachstuhl und Steine aus Bergheider Abriss etwas Heimatliches in sich tragen. Wieder werden Obstbäume gesetzt. «Hier wollen wir nun bleiben» , sind sich beide sicher. Bis in diesem Frühjahr die Nachricht Gewissheit wird, dass die Stadt Finsterwalde das Wohngebiet abreißen will. Bis dahin war ein städtischer Beschluss nicht wirklich im Bewusstsein der Bewohner des Wohngebietes angekommen. Nun aber sind sie verzweifelt: Wieder das Gewohnte, das mühsam Beseelte hergeben« Noch einmal von vorn anfangen» Sicher gibt es viele, die durch Krieg, Flucht oder immer mehr auch wegen ihres Arbeitsplatzes ihre Dörfer oder Wohnungen verlassen müssen. Doch in Ilona und Bernd Husemann sitzt der Schmerz tief und regt sich nun Widerstand. Heimatverlust lässt sich nicht gegeneinander aufwiegen. Häuser mit erträglichen Mieten Ein Mieterbündnis in dem noch gut bewohnten Gebiet mit erträglichen Mieten findet sich zusammen und will den Abriss verhindern. So manche Bergheider und Klingmühler sind noch unter ihnen. Husemanns auch, obwohl die städtische Wohnungsgesellschaft mit Geld und Hilfsangeboten für einen Umzug lockt. «Wir wollen bleiben. Wir wollen nie mehr sagen müssen: Immer wenn die Bäume tragen, musst du gehen.» Heidrun Seidel |