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Lausitzer Rundschau, 29.03.2008 Vattenfall-Vorstand Reinhardt Hassa im RUNDSCHAU-Gespräch über klimaverbessernde Maßnahmen «Braunkohle kann Brücke sein für neue Energien» Der Energiekonzern Vattenfall intensiviert seine Bemühungen um einen Dialog in der Lausitz. Flankiert vom Bundesverband Braunkohle will sich das Unternehmen mehr Gehör verschaffen und gegnerische Argumente sachlich fundiert entkräften, sagt Reinhardt Hassa, Vorstandssprecher von Vattenfall Europe Mining & Generation in Cottbus. Die RUNDSCHAU sprach mit ihm über das Bemühen um klimaverbessernde Maßnahmen.
Herr Hassa, Vattenfall bläst ein rauer Wind ins Gesicht. Die Volksinitiative gegen neue Tagebaue in der Lausitz sammelt fleißig Unterschriften und gewinnt immer mehr Unterstützung. Hofiert von der einen oder anderen Partei brandmarkt sie die Braunkohle öffentlichkeitswirksam als Klimakiller. Ist Ihnen noch wohl in Ihrer Haut« Ja, wohl in unserer Haut ist uns schon und mir persönlich auch, weil wir von der Richtigkeit unseres Tuns und der Richtigkeit unserer Arbeit überzeugt sind. Aber es ist schon ein Thema, das uns bewegt. Wir sind ja bereits über viele Jahre dabei, den Dialog zu führen. Das werden wir aktuell mit einer neuen Diskussionsreihe fortführen. Um zu artikulieren, was wir tun, warum wir es tun und dass wir über einen Wirtschaftszweig verfügen, von dem die Lausitz sehr gut lebt. Haben Sie nicht den Eindruck, dass das, was Sie Dialog nennen, in der aktuellen Diskussion verpufft»
Es mag schon sein, dass das, was wir an Argumenten bringen, nicht in der nötigen Plakativität rüberkommt, auch nicht in der von uns gewünschten Breite. Das liegt aber wohl auch daran, dass es nicht so gern gesehen wird, wenn aus einem kritisierten Wirtschaftszweig gute Meldungen kommen. Mit der Energiewirtschaft wird eine Politik betrieben, die für eine Industriegesellschaft nicht unbedingt förderlich ist. Ihnen schmeckt die Klimadebatte nicht«
Im Gegenteil, wir nehmen das Thema sehr ernst. Was uns in der Debatte fehlt, ist die Anerkennung des Beitrages zum Umweltschutz, den wir in der Lausitz bereits geleistet haben. In den zurückliegenden 16 Jahren haben Vattenfall und seine Vorgängerunternehmen zehn Milliarden Euro in Kraftwerke und Tagebaue investiert. Damit wurden Kraftwerke modernisiert, neu geschaffen, aber auch stillgelegt. Dadurch haben wir die jährlichen Kohlen dioxidemissionen im Vergleich zu 1990 um rund 50 Millionen Tonnen reduziert. Kein anderer Energiekonzern in Deutschland hat mehr getan als wir. In diesem Prozess sind jedoch auch Tausende Arbeitsplätze verloren gegangen.
Das ist es ja. Aus der Region ist bis dato wirklich das Letzte rausgeholt worden. Mittlerweile aber haben wir das Unternehmen so aufgestellt, dass wir im Wettbewerb nicht nur bestehen können, sondern auch der Region und ihren Menschen etwas geben können. Da hinein platzt die Klimadebatte. Hand aufs Herz: Kommt die Klimadiskussion für ein Unternehmen wie Vattenfall nicht immer zur Unzeit»
Deshalb versuchen wir ja so schnell und so gut wie möglich aus dieser Diskussion letztlich ein Faustpfand für unser Unternehmen und die Region zu machen: Indem wir unsere Forschungen intensivieren und die Umsetzung der Ergebnisse beschleunigen. Hätten Sie vor zehn Jahren geglaubt, dass wir für 70 Millionen Euro eine Anlage zur Abscheidung von Kohlendioxid auf Niederlausitzer Sand bauen, die Forschungszwecken dient« Das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Bundestag wirft Ihnen vor, damit Millionen in den Sand zu setzen – die Technologie sei riskant, wenig erforscht, zu teuer und großtechnisch erst 2023 verfügbar.
Wer das Jahr 2023 so genau voraussagen kann, der sollte wohl seinen Schein als Wahrsager abgeben. Wir werden dafür sorgen, dass die großtechnische Serienreife eher erreicht wird. Und das im Kontext mit einer breiten internationalen Bewegung der Branche. Klar haben Kritiker Recht, wenn sie sagen, die Technologie ist zu wenig erforscht. Deswegen forschen wir ja daran, gemeinsam mit den Universitäten in Cottbus, Dresden und Zittau, um nur mal die Hiesigen zu nennen. Wir werden hier in der Lausitz bis 2030 nur noch etwa 50 Prozent der CO 2 -Emissionen von 1990 haben. Dafür bürgen wir. Verbürgen Sie sich auch dafür, dass der Strompreis vor diesem Hintergrund nicht noch weiter steigt»
Dass die Stromerzeugung aus Braunkohle damit nicht billiger wird, liegt auf der Hand. Aber auch Erdgas und Erdöl werden nicht billiger, nach Lage der Dinge auch die Steinkohle nicht. Die Braunkohleverstromung mit CO 2 -Abtrennung wird sich behaupten können. Kohlegegner sehen das anders. Sonne scheint umsonst und Wind bläst auch so, sagen sie.
Sonne scheint umsonst – tagsüber. Der Wind bläst – aber nicht immer. Eine zuverlässige Energieversorgung ist das nicht. Sie können jedoch eine Solar- und eine Windkraftanlage sehr gut gemeinsam mit einem fossilgefeuerten Kraftwerk betreiben. Dann sorgen die einen am Tag, die anderen in der Nacht oder wenn der Wind kräftig bläst, für Strom. Dieses Zusammenspiel gewährleistet einen stabilen Netzbetrieb und eine sichere Versorgung. Gleichzeitig werden Ressourcen geschont. Braunkohle kann also Brücke auf dem Weg zur Marktreife der erneuerbaren Energien sein. Haben Kritiker dann doch recht, wenn sie sagen, wir brauchen keine neuen Tagebaue, weil erneuerbare Energien ab 2020 in der Lage sein könnten, die Stromversorgung Brandenburgs zu sichern«
Wir produzieren pro Jahr 35 Terawattstunden Strom in der Lausitz. Diese Menge eins zu eins zu ersetzen, ist nicht drin, selbst innerhalb der nächsten 40 Jahre nicht. Warum nicht»
Weil die Ressourcen an Biomasse, Wind und Sonne nicht ausreichen, um eine solche Menge Strom zu produzieren. Es gelingt vielleicht, fünf oder zehn Prozent zu ersetzen oder die Eigenversorgung der Lausitz zu sichern, aber Strom verkauft werden kann nicht. Ist das denn so schlimm«
Für Brandenburg ist Braunkohlestrom ein wesentliches Exportgut. Insofern müssen Anhänger, die ein Ende der Braunkohle fordern und die Erschließung neuer Braunkohlefelder ablehnen, auch klar sagen, was sie dann hier haben wollen. Die Braunkohle sichert Hunderte Millionen Euro an Wertschöpfung in der Region, Tausende Beschäftigte und Hunderte Ausbildungsplätze. Sie trägt zur Entwicklung der Lausitz als innovative Energieregion bei. Wenn wir unsere bekannt gegebenen Pläne nicht umsetzen, ist hier mit Braunkohlebergbau und der -verstromung in nicht ganz 20 Jahren Schluss. Den von der Volksinitiative propagierten langfristigen sozialverträglichen Ausstieg aus der Braunkohle bis 2050 gibt es dann nicht. Ohne neue Tagebaufelder sind unsere genehmigten Vorräte in Brandenburg Mitte der 2020er-Jahre aufgebraucht. Wie soll sich der wohlmeinende Bürger angesichts der Fülle angeblich wissenschaftlich fundierter Studien, Theorien und Rechthaberei auf beiden Seiten ein objektives Urteil bilden»
Für das gesamte öffentliche Leben gilt, dass wir alle ein Problem haben, uns immer eine gesunde, unvoreingenommene Meinung bilden zu können. Aber wir sind authentische Vertreter von hier. Wir sind Leute, die hier leben, die hier ihre Arbeit und ihre Freunde haben. Mit dieser Bodenständigkeit, mit der langfristigen Existenz hier in der Lausitz können wir eine gewisse Glaubwürdigkeit vermitteln. Das, was wir heute sagen, hat auch morgen noch Bestand. Das haben wir bereits bewiesen. Deshalb hoffen und glauben wir, das uns die Menschen dieser Region auch zuhören werden. Ob sie alles eins zu eins übernehmen und glauben, das ist eine ganz andere Frage. Und der Stärkere behält recht?
Wir haben in der Vergangenheit den Fehler gemacht, etwas einseitig, also Schwarz-Weiß, zu diskutieren: Auf der einen Seite die Regenerativen, auf der anderen Seite die Braunkohle. So geht das nicht. Man muss sich auch als Starker Argumente und Fragen von vermeintlich nicht so Starken anhören und sich diesen widmen. Da sind wir seit einer gewissen Zeit auf einem guten Weg. Das werden wir auch weiter befördern. Mit REINHARDT HASSA sprachen Susann Michalk und Beate Möschl |