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Der Handel der Henne und die Tagebaue PDF Drucken E-Mail
Samstag, 10. Mai 2008

Lausitzer Rundschau, 10.05.2008

Diskussionsrunde zum Feld Bagenz Ost in Hornow

Der Handel der Henne und die Tagebaue

«Wir wollen keine neuen Tagebaue» , dabei bleibt Lothar Hendrischk (parteilos), der Bürgermeister von Hornow-Wadelsdorf, nach der Diskussionsrunde am Mittwoch. Er zeigte sich aber überrascht darüber, wie viele Befürworter neuer Tagebaue es in seiner Gemeinde gibt. Über 100 Leute – darunter auch Spremberger, Neuhausener, Welzower und Einwohner aus sächsischen Orten waren ins Hornower Schloss gekommen. Organisiert hatte alles der Heimatverein um Antoinette Leesker.

Die Gesprächsrunde begann mit einem Blick auf die Energiepolitik der DDR. Dafür hatte Peter Rocha mit seinem Dokumentarfilm «Schmerzen der Lausitz» (1989/90) gesorgt. «Aber vieles aus dem Film – wie das Kraftwerk in der Trattendorf – gibt es nicht mehr. Es ist vieles besser geworden in den 18 Jahren» , erklärte Dr. Ulrich Obst aus dem Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR). Das sah auch Bergbauplaner Profressor Dr. Detlef Dähnert vom Bergbauunternehmen Vattenfall so: «Die Braunkohlenindustrie war in der DDR eine Raubbauindustrie.» Nach der Wende habe es einen gravierenden Strukturwandel und einen großen Abbau von Arbeitsplätzen gegeben. Von den 17 Tagebauen seien fünf übrig geblieben. Die Lausitz sei wieder lebbar geworden, und auch die Umsiedlungspraxis habe sich komplett geändert. Das könne sich jeder im neuen Haidemühl anschauen, so Dähnert.


Tagebau als Nachbar gefürchtet

Doch um eine Umsiedlung soll es für Hornow-Wadelsdorf gar nicht gehen. Kommt der Tagebau Bagenz Ost, würde keine Siedlung in Anspruch genommen. Bagenz, Drieschnitz-Kahsel, Hornow-Wadelsdorf, Bloischdorf Kolonie, Groß Luja und Muckrow würden aber direkte Nachbarn der Kohleförderung. Viele Einwohner befürchten, von ihren im Wert geminderten Grundstücken in den Tagebau gucken und Lärm und Staub aushalten zu müssen und noch Probleme mit dem Grundwasser zu bekommen. Deshalb spricht sich René Schuster von der Grünen Liga gegen neue Reviere aus und dankte am Mittwoch den Einwohnern dafür, dass mit ihnen 26 000 Unterschriften gegen neue Tagebaue in der Lausitz zusammengekommen seien.

«Was erwartet uns?» , wollte der Wadelsdorfer Grundstücksbesitzer Wolfgang Jazosch wissen. Detlef Dähnert betonte, dass es sich bisher für Bagenz Ost um eine Tagebauplanungsabsicht handele. Etwa 200 Millionen Tonnen Braunkohle würden in diesem Feld liegen, weshalb es das Bergbauunternehmen erschließen möchte. Im Jahr 2015 werde Vattenfall bei der Landesplanung Berlin-Brandenburg die Unterlagen einreichen, so dass die Behörde das Genehmigungsverfahren unter der Beteiligung der Träger öffentlicher Belange und der Gemeinden führen kann. Dähnert sicherte den Bürgern am Mittwoch zu, dass sie dann mit diskutieren dürften. Auch der Braunkohlenausschuss sei mit im Boot. Werde das Feld genehmigt – das Verfahren könne allerdings bis zu 15 Jahre dauern, könne mit der Vorbereitung des Feldes ab dem Jahr 2035 begonnen werden. Etwa im Jahr 2040, so Dähnert, könnte die erste Rohkohle in Bagenz Ost gefördert werden. «Bis dahin und während des Tagbaus muss die Lebensfähigkeit der Dörfer erhalten werden.» Doch was heißt lebensfähig?, wollten die Einwohner wissen. Bürgermeister Hendrischk erzählte ein Gleichnis: Eine Henne und ein Schwein wollten einen Handel aufmachen und Rührei mit Speck anbieten. Doch während die Henne ihr Ei legen und davonfliegen könne, müsse das Schwein für seinen Handelsanteil sein Leben lassen. «Vattenfall ist die Henne, wir Dörfer sind die armen Schweine» , so Hendrischk.

Wie Ulrich Obst daraufhin erklärte, würden die Genehmigungsverfahren sehr flexibel geführt – weil sich in den Jahren Gesetze änderten. Obwohl beim Feld Bagenz Ost keine Orte in Anspruch genommen werden sollen, würde es Schutzmaßnahmen für die Orte am Tagebaurand geben. Diese Forderungen stelle das Landesamt für Bergbau, und Vattenfall müsse sie erfüllen. Zudem sei zu erwarten, dass sich die Verfahren technisch weiter entwickeln. Zu den Dichtwänden erklärte Detlef Dähnert, dass Tagebaue inzwischen komplett mit ihnen umzogen werden könnten, so dass die für die Kohleförderung nötige Grundwasserabsenkung keine Auswirkungen auf das Grundwasser in den umliegenden Orten habe – «das werden wir dann schriftlich und verbindlich niederlegen» . Und für den Lärmschutz und gegen den Staub könne inzwischen mit Wänden und Wasserkanonen viel getan werden. Das konnte Antoinette Leesker nicht ganz glauben: «Das Wasser kann keine Wand aufhalten, das sucht sich seinen Weg.» Auch René Schuster wisse von Fällen, in denen eine Dichtwand geologisch gar nicht gezogen werden könne.


Junge Familien bleiben weg

Peter Bienstmann, Chef der Hornower Confiserie Felicitas, befürchtet, «dass in den nächsten 30 Jahren keine jungen Familien mehr ins Dorf ziehen und sich hier nichts ansiedeln wird, weil keine Bank dafür Geld gibt.» Der Bergbau als Totengräber oder als Hoffnungsträger? Diese Frage stellte der Döberner Rechtsanwalt Lutz Schallschmidt in den Raum und sprach damit als Mediator des Abends die Tagebaubefürworter an. «Der Bergbau ist die letzte Industrie, die uns hier geblieben ist» , sagte ein Hornower. Und er sichere auch ab, dass die jungen Leute in der Region blieben, so Helmut Franz, SPD-Kreistagsabgeordneter und Vattenfall-Betriebsrat. Seit dem Jahr 1999, seit Vattenfall Auszubildende wieder behalte, seien über 600 junge Arbeitnehmer in der Region geblieben. Der 80-jährige Hans-Günter Stein aus Schwarze Pumpe forderte dazu auf, die Entwicklung der alternativen Energien Windkraft, Geothermie, Fotovoltaik und Biomasse mehr voranzutreiben. Zugleich müsse der Wirkungsgrad der Kraftwerke unbedingt verbessert werden. Aufgaben für seine Enkel. Und die sollten auch entscheiden, ob sie mit dem Tagebau leben oder weiter Karnickel züchten möchten. Das ließ Lutz Schallschmidt prompt als Schlusswort gelten.

Von Annett Igel

 
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