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Bergbau-Problematik in der Lausitz erreicht Schweden PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 11. Dezember 2008

SYDSVENDSKAN, 12.12.08 

Schwedens Vattenfall reißt Dörfer in Ostdeutschland ab, um Braunkohle zu fördern

Das staatliche Unternehmen benötigt Riesenmengen an Kohle, um seine deutschen Kraftwerke zu mästen, die unglaubliche Mengen Treibhausgas ausstoßen. Äcker, Wälder und Ortschaften sind schon in enorme Tagebaue verwandelt. Aber der Widerstand in der Bevölkerung wächst.
Es sieht aus, als ob mechanische Urzeitechsen, die riesigen Kohlebagger, große Teile des deutschen Teilstaates Brandenburg in eine sterile Mondlandschaft verwandeln.
Viele Ortschaften sind schon zerstört. Nun nähern sich die schrecklichen Untiere Kerkwitz, Grabko und Atterwasch – viele hundert Jahre alte Dörfer, wo man noch Storchennester auf den Schornsteinen sieht. Während des 30jährigen Krieges verheerte Gustav II Adolfs Armee diese Gegend. Die mittelalterliche Kirche in Atterwasch brannte man bis auf die Grundmauern nieder. 500 Jahre später ist sie wieder von Schweden bedroht.
"Ich werde alles tun, um meine Kirche zu retten. Sie sollen nicht die Toten aus ihren Gräbern holen, wie sie es in Horno taten" sagt Pfarrer Matthias Berndt.

Der Pfarrer ist einer der wütenden Dörfler, die den Kern des Widerstandes bilden und die sich im Gemeindehaus in Kerkwitz versammeln. Auf dem kleinen Marktplatz davor ist ein großes Transparent zu sehen: „Keine neuen Tagebaue!“
Drinnen hängen Fotografien von zerstörten Landschaften und abgerissenen Häusern. Zwischen Kaffeetasse und Kannen auf dem Tisch haben die Dorfbewohner Karten mit Vattenfalls jüngsten Planungen ausgebreitet. "Ich kann nicht verstehen, wie man zulassen kann, dass ein staatliches schwedisches Unternehmen unsere Dörfer zerstört, um eine Menge Geld zu verdienen. Wir bezahlen für den schwedischen Wohlstand" sagt Christian Huschja aus Atterwasch. "Unsere Döfer überstanden furchtbare Kämpfe während des zweiten Weltkrieges. Nun sollen sie wegen schwedischer Profitinteressen niedergerissen werden" sagt Thomas Schuster aus Grabko. "Ich, mein Mann und unsere Kinder lieben hier die Natur. Auf unserem Grundstück gibt es einen kleinen Damm, den Biber gebaut haben. All das verschwindet nun" erzählt Silvia Borkenhaben aus dem selben Dorf.

Selbst wenn sich viel Zorn gegen Vattenfall richtet, sind es die brandenburgischen Politiker, die in den Augen der Dorfbewohner Verräter sind. Nur ein paar Jahre vorher, als Horno dem Boden gleichgemacht wurde, gab man das Versprechen keine weiteren Dörfer abzureißen. Aber im vergangenen Herbst enthüllte der sozialdemokratische Ministerpräsident Matthias Platzeck, dass Vattenfall neue Tagebaue aufschließen will. Nun finden sich drei Dörfer auf Vattenfalls Liste der zu erschließenden Gebiete.
Am gleichen Tag als wir Kerkwitz besuchen erklärt Platzeck in einem Interview in der Lokalzeitung Lausitzer Rundschau, dass eine entvölkerte Landschaft wie diese hier nicht das Recht hat, sich gegen Investitionen und Jobs zu stellen.
Wir können nicht auf die Tausende von Arbeitsplätzen verzichten, die Vattenfall durch Tagebaue und Kraftwerke schafft."
"Das ist nicht wahr" sagt Manuela Wirth aus Grabko. "Vattenfall prahlt damit, Jobs zu schaffen. Am im gleichen Atemzug verschwinden Jobs dadurch, dass die kleinen Unternehmen verschwinden, gemeinsam mit den Gemeinden, in denen der Tagebau voranschreitet."
Die Hoffnung der Dorfbewohner ruht nun auf der Sammlung von 80 000 Unterschriften, mit denen eine regionale Volksabstimmung erzwungen werden soll. "Leider" sagt Peter Jeschke, der Bürgermeister in Schenkendöbern ist, "wird es vielleicht trotzdem ein ja, weil so viele hier vom Tagebau abhängig sind."
Ein Stück von Kerkwitz entfernt liegt Jänschwalde, das weltgrößte mit Braunkohle betriebene Kraftwerk. Südlich der grautristen regionalen Hauptstadt Cottbus liegt Schwarze Pumpe und Boxberg und ein wenig weiter weg Lippendorf. Sie gehören alle Vattenfall und scheiden zusammen anderthalb mal so viel Kohlendioxyd aus wie ganz Schweden. In der Nähe betreibt Vattenfall enorme Tagebaue, die sich schnell ausbreiten.
Helmut Fleischhauer aus Mulknitz und im Widerstand aktiv, nimmt uns auf eine Tour mit. Von der Hauptstraße nach Cottbus biegen wir in eine kleine Straße ein, die plötzlich aufhört. Die Aussicht ist sowohl gewaltig als auch Furcht erregend: Vor uns liegt eine fünf Kilometer breite und mehr als eine Meile lange Sandwüste. Am nördlichen Rand bearbeitet eine riesige Stahlkonstruktion das schwarze Kohleflöz, dass 60 Meter unter der Oberfläche liegt. Gefühllos arbeitet sich das Monster in Richtung Norden, indem es Acker und Wald verschlingt und eine Sandwüste hinter sich lässt, die aussieht, als hätte ein Riese sie umgegraben.
Am Horizont qualmen gewaltige Wolken von Rauch aus Jänschwaldes sechs Kühltürmen in den Himmel. – "Dort!" Ruft Helmut und zeigt auf einen Punkt irgendwo mitten im Sandmeer. "Dort lag Horno noch vor wenigen Jahren. Das war ein schönes altes Dorf. 800 Jahre alt."


In Neu Horno ist alles neu und öde. Nicht ein Mensch ist auf dem großen zugigen Platz zwischen dem neuen Feuerwehrhaus und der neuen Kirche mit dem neuen Friedhof, wohin man die Toten von Horno hat umziehen lassen. Nur eine einsame Katze beobachtet uns misstrauisch. Dann hören wir das Geknatter von einem Motor und um die Ecke kommt ein kräftiger Kerl in Lederjacke auf einem Rasentraktor. Das ist Ortsvorsteher Bernd Siegert, an Werktagen Mechaniker. Er nimmt den Hörschutz ab und schnaubt sich laut die Nase. "Wir haben den Kampf nach zehn Jahren aufgegeben" sagt er. "Es ist traurig und die meisten hier möchten nicht darüber sprechen. Die Häuser, die wir als Ersatz bekommen haben für die, die wir verlassen mussten, sind neu und schön. Aber darum geht es nicht. Das, was viele so traurig macht, ist, dass sie gezwungen waren, die Heimat, die sie liebten, zu verlassen."
Er und seine Frau heiraten in dem alten Dorf, zogen dort ihre Kinder auf und wollten dort alt werden. Es war ein gutes Leben. "Das neue Dorf hat keine Seele" sagt er und sieht sich um, fast mit Abscheu. Man versucht weiter zu leben, aber für die Alten ist das schwer. Was denkt er über Vattenfall? Bernd Siegert zuckt mit den Achseln. "Die wollen Profit machen. Auf eine Art ist das normal. Es sind unsere Politiker, die die größten Schurken sind. Sie haben so viele Versprechen gegeben wie sie gebrochen haben."


Die letzten Bewohner haben Haidemühl schnell verlassen, als sich der Ort in eine Geisterstadt verwandelt hatte. Die Fensterläden der ausgeräumten Häuser knarren und schlagen im Wind. Hier und dort sind alte Matratzen, Waschbecken und Hausrat liegen gelassen worden, als ob man hastig vor einem Krieg davonzieht. Die Vorgärten sind mit welkem Gras bedeckt. Und in der alten Glasfabrik sind alle Fensterscheiben zerbrochen. In Kürze wird alles dem Erdboden gleichgemacht. Vattenfalls Tagebau Welzow-Süd, mit dem Kraftwerk Schwarze Pumpe, wird ausgeweitet und Haidemühl lag ganz einfach im Weg.
Also räumte man die Gemeinde um, grub die Gräber auf – und ein neues Haidemühl entstand auf sicherem Grund.
Auf dem neu angelegten Friedhof treffen wir Rita Klinitzka. Sie hat gerade einen Strauß mit roten Lilien auf das Grab ihrer Eltern gelegt. "Ich bin in dem alten Dorf geboren worden. Es war ein wunderbarer Ort um aufzuwachsen. Dann bekam ich einen Job in der Glasfabrik. Es ist zu traurig, dass nun alles weg soll."
In das neue Haidemühl will sie nicht ziehen. "Nein, wir verlassen die Gegend, ich und mein Mann. Aber wir kommen hierher so oft wir können. Das Grab hier ist schließlich unsere einzige Verbindung zur Vergangenheit."


Alles ist ordentlich gekennzeichnet auf Vattenfalls eigener Karte über Brandenburg: Kraftwerke; das gewaltige Gebiet, das bereits zum Tagebau gemacht wurde; Gebiete, die für den Tagebau vorgesehen sind; und Gebiete, wo der Tagebau in Zukunft geplant werden könnte. "Es ist nicht so, dass Vattenfall die Leute hier überfährt. Wir versuchen es so verantwortlich wie möglich zu machen", sagt Arne Mogren, der stark involviert war in die Umsiedlung von Horno und heute Chef von Vattenfalls „Klimabüro“ ist. Er erzählt, dass das schwedische Unternehmen Treffen mit den Dorfbewohnern abhält, versucht Lösungen für Familien zu finden und den Bau der neuen Häuser bezahlt.
Aber letztendlich ist es trotzdem eine Frage des Zwanges. "Es ist eine poltische Frage in der Region" sagt Arne Mogren. "Brandenburg ist ein dünn besiedeltes Gebiet. Sie müssen die Ressourcen, die sie haben, nutzen. Das Interesse der Gemeinschaft stellt man über die Interessen der Einzelnen. Kohle schafft Beschäftigung. Natürlich hat das Konsequenzen. Jeder Tagebau ist ein Eingriff in die Natur. So ist es. Und es bringt natürlich eine große Veränderung für die Menschen. Manche werden währenddessen aufrührerisch."


Wann die Entscheidung über Kerkwitz, Grabko und Atterwasch fällt, weiß keiner. Es kann einige Jahre dauern. Aber allein das Wissen darüber, dass die Dörfer abgerissen werden können, hat Unruhe geschaffen und die Preise der Häuser sind derart gefallen, dass es für die, die wegziehen wollen, nun unmöglich geworden ist zu verkaufen. Aber für viele der Dorfbewohner geht es in dem Streit nicht nur um alte Dörfer und zerstörte Natur – sondern auch um den gewaltigen Ausstoß an Kohlendioxyd, den die Braunkohle verursacht, wenn sie in Vattenfalls Kraftwerken verbrannt wird.
Pfarrer Matthias Berndt entzündet jeden Tag drei Kerzen in einer Eisenkrone in seiner Kirche in Atterwasch. Eine für jedes der bedrohten Dörfer. Aber er denkt genauso oft an das Klima der Welt. "Es ist vielleicht o.k. für ein Unternehmen Profit zu machen" sagt er. "Aber Vattenfall soll nicht versuchen uns vor zu machen, es sei möglich Kohlendioxyd abzuscheiden. Sie sollen uns nicht anlügen."


Übersetzung aus dem Schwedischen von Von Olle Lönnaeus
Webseite: http://www.sydsvenskan.se/
 

 

 
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