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Lausitzer Rundschau, 02.01.2008
Tagebaue drohen evangelische Landeskirche zu spalten
Das Kreuz mit der Braunkohle Cottbus. Zerstörung. Umsiedlung. Neuanfang. Die Tagebaue, die in den kommenden Jahren in der Lausitz entstehen sollen, werfen ihre Schatten voraus. Einige Kirchengemeinden haben dafür bereits deutliche Worte gefunden. Doch der Landeskirche Berlin-Brandenburg steht noch ein schmerzhafter Klärungsprozess bevor.
Drei Kohlefelder will der Energiekonzern Vattenfall nach aktuellen Planungen abbauen und zwei bereits bestehende in Brandenburg und Sachsen erweitern. Rund 3600 Menschen aus zehn Orten - darunter Atterwasch, Kerkwitz und Grabko (alle Spree-Neiße) - müssten dafür umgesiedelt werden. Als „nicht zu rechtfertigenden Eingriff in die Lebenswelt der Region“ hat die evangelische Kreissynode von Senftenberg-Spremberg die neuen Tagebauplanungen Ende November verurteilt und „schwerwiegende und unabsehbare Folgen für das zukünftige Leben“ kritisiert. Nur acht der 45 Kirchenparlamentarier stimmten dagegen. Auch in Cottbus, Guben, Forst und Umgebung bezieht die evangelische Kirche Stellung: Die dortige Synode will sich „gegen den Aufschluss neuer Braunkohletagebaue in der Niederlausitz und für eine zukunftsfähige Energiepolitik“ einsetzen. „Abstimmungsergebnis: 44 Ja-, 14 Nein-Stimmen, 10 Enthaltungen. Antrag angenommen“, vermerkt nüchtern das Protokoll.
Ohne Kohle droht Verödung
Bei der Kirchenleitung in Berlin hingegen herrschen andere Töne vor. Ohne die Braunkohleverstromung werde die Region wirtschaftlich veröden, befürchtet etwa der theologische Referent des Konsistoriums, Andreas Fincke und rechnet mit einer „Zerreißprobe“ für die Landeskirche. „Es ist nicht damit getan zu sagen, rettet diese Dörfer in der Lausitz.“ Und als „moralisch seltsam“ bezeichnet Fincke einen Ausstieg aus der Braunkohle, wenn zugleich Strom aus polnischen Kohlekraftwerken oder französischen Atomkraftwerken eingekauft werde.
Auch der Cottbuser Superintendent Matthias Blume und der Leiter des Kirchlichen Verwaltungsamtes Reinhard Richter versuchen vor Ort den Protest zu dämpfen. Der Kirchenkreis müsse „für einen Dialog und den Erhalt des inneren Friedens“ eintreten, warnen beide. Mit einer vorschnellen Positionierung laufe die Kirche Gefahr, „die verschiedenen Gesichtspunkte in dem komplizierten Diskussionsprozess nicht angemessen zu berücksichtigen“.
Mit diesem Antrag erlitten Blume und Richter allerdings in ihrer eigenen Synode Schiffbruch und wurden klar überstimmt. Neu ist die Diskussion um die Braunkohle auch für die evangelische Kirche nicht. In der DDR setzten sich damit bereits die verschiedenen Umweltgruppen auseinander.
Ökologische Folgen nicht abzusehen
Nach der Wende forderte die Gubener Kreissynode im Frühjahr 1993 einen Stopp des Tagebaus vor Horno. Die ökologischen Folgen seien nicht absehbar und die Zerstörung des Dorfes „seelsorgerlich und menschlich unverantwortbar“, urteilten die Gemeindevertreter. Wenige Wochen später schloss sich die Landessynode an – mit einer Gegenstimme und zehn Enthaltungen. Die Kirchenleitung hingegen blieb schon damals eher abwägend. „Es handelt sich nicht um einen Konflikt zwischen Bösen und Guten“, heißt es in einer Stellungnahme von 1996. Das Recht auf Heimat werde nicht nur durch die Zerstörung von Dörfern verletzt, sondern auch, wenn Arbeitsplätze verloren gingen und Menschen deshalb ihre Heimat verlassen müssten. Die Zeit bis 2020 müsse in der Lausitz jedoch „zur Umsteuerung der Wirtschaft und zur Entwicklung und zum Einsatz alternativer Energiequellen genutzt werden“.
Kirche muss Position beziehen
Dass die Spitze der Landeskirche sich auch jetzt wieder eher zurückhaltend äußert und erst einmal eine Arbeitsgruppe eingesetzt hat, sieht ihr Umweltbeauftragter Reinhard Dalchow nicht negativ, weil auch neue Fragen aufgegriffen werden sollen. „Wir müssen unter den klimapolitischen Bedingungen heute etwas zur Braunkohle sagen“, betont der Theologe. „Die Kirche kann sich nicht neutral verhalten und sagen, das ist Sache der Politik.“
Dalchow setzt aber darauf, dass der Diskussionsprozess im Frühjahr mit einem klaren Votum zum Braunkohle-Ausstieg endet – und in einer dementsprechend „massiven Beratung“ der Landesregierung. Denn eins steht für ihn fest: „Wir können nicht so weitermachen wie bisher.“
epd/nm |