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Financial Times Deutschland, ftd.de, 20.11.2007 Grüne Energie bei jedem Wetter
von Marcus Franken Ein neuer Verbund von Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien nutzt diverse Quellen: von Biogas bis Solarenergie. Diverse Unternehmen beteiligen sich an dem Versuch, der Auftrag kommt von "ganz oben".
Kurt Rohrig beobachtet gespannt die langsam vorwärtskriechende, rote Linie. Der Strich auf dem Bildschirm im Institut für Solare Energieversorgungstechnik in Kassel (ISET) symbolisiert den Stromverbrauch von 11.740 Menschen.
5,5 Megawatt (MW) brauchen diese Leute jetzt am Vormittag. Früh um sechs lag der Verbrauch noch bei schläfrigen 3,62 MW. Am Nachmittag soll er mit 6 MW das Maximum erreichen. Der Bedarf schwankt ständig. Verbund aus EE-Anlagen
Rohrig, Bereichsleiter Information und Energiewirtschaft am ISET, sorgt dafür, dass Stromverbrauch und -produktion immer denselben Pegel haben. Das passiert auch in den Netzzentralen der großen Energieversorger.
Aber Rohrig regelt nicht Kohle- und Gaskraftwerke, sondern einen Verbund aus Erneuerbare-Energie-Anlagen, die über ganz Deutschland verteilt sind. Ein Windpark steht kurz hinter den Nordseedeichen an der holländischen Grenze. Einer bei Berlin, weitere bei Aachen. Die 18 Solaranlagen finden sich bei Freiberg in Sachsen, in Bayern und Baden-Württemberg.
Die Biogaskraftwerke stehen in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Und als Energiedepot fungiert ein Pumpspeicherkraftwerk, das nach den technischen Eckdaten einer Anlage in Thüringen konzipiert ist. In Kassel laufen die Steuerleitungen zusammen.
Test im Auftrag der Kanzlerin Der Auftrag zu diesem Versuch kommt von der Bundeskanzlerin persönlich. Denn der gegen die erneuerbaren Energien erhobene Vorwurf lautet, dass sie nicht in der Lage seien, den Strom zuverlässig nach Bedarf zu liefern. Eben entlang jener roten Verbrauchskurve auf Rohrigs Bildschirm. Merkel hat darum beim ersten Energiegipfel die Vertreter der Branche aufgefordert, diesen Vorwurf zu widerlegen. Jetzt läuft der Test seit drei Monaten. Wir können Deutschland zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgen", verspricht Rohrig. Wenn der Wind sehr stark weht, lässt er mit dem überschüssigen Strom die Wasserspeicher des Pumpspeicherkraftwerks füllen.
Weht der Wind nicht, schultern Solar- und Biogasanlagen die Hauptlast der Versorgung. Reicht auch das nicht, lässt er das Wasser in die Turbinen des Wasserkraftwerks donnern.
Rohrig und die Firma Schmack Biogas, das Windunternehmen Enercon, Solarworld sowie der Wasserkraftwerksbetreiber Vattenfall wollen zeigen, dass die einzelnen regenerativen Energiequellen ihre Schwächen gemeinsam ausgleichen können. "Wir halten fast jeden beliebigen Fahrplan ein", sagt Rohrig.
Massiver Ausbau von Nöten
Was die Vertreter der Branche nicht so gerne sagen: Das kombinierte Kraftwerk, das vom ISET aus gesteuert wird, ist nicht vollständig autark. Ein geringer Im- und Export von Strom über die Systemgrenzen hinaus ist erlaubt. Denn, so die Begründung der Branche, auch über die Grenzen Deutschlands hinweg findet ein ständiger Stromhandel statt.
Doch um von dem Modell im Maßstab 1:10 000 auf eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energie zu kommen, müssten sie in Deutschland massiv ausgebaut werden. Die Windenergieleistung müsste etwa von heute 20.000 auf 60.000 MW an Land und 30.000 MW auf hoher See anwachsen. Aber bis 2050 ist ja noch ein wenig Zeit.
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