Deutschlands sorbische Minderheit kämpft gegen Vattenfall für den Erhalt von Dörfern
Im entvölkerten ostdeutschen Dorf Haidemühl quietschen Türen und werden vom Winterwind gegen Wände geschlagen.Vernachlässigte Gärten quellen über vor Müll: Kühlschränke, Flaschen, Kassetten.
Durch eine zerbrochene Fensterscheibe sieht man pinkfarbene Teddybären auf einem blauen Hintergrund tanzen, die abfallende Tapete eines verlassenen Kinderzimmers. Dahinter die zerfallende Brikettfabrik, ein Bagger arbeitet im Regen und trägt Stück für Stück die Lagerhalle ab.
Haidemühl wird bald zerstört sein. Die letzten Dorfbewohner verließen 2006 das Dorf, umgesiedelt vom schwedischen Konzern Vattenfall. Es ist eines von mehr als 80 Dörfern, die durch den Braunkohleabbau in der Lausitzer Region seit 1924 von der Landkarte verschwunden sind.
Die Region, ca. 150 Kilometer südöstlich von Berlin, ist Heimat der Sorben, einer slawischen Minderheit von 60.000 Menschen mit einer Sprache, die mit dem Polnischen und Tschechischen verwandt ist. In mehr als 10 weiteren Dörfern, die von Vattenfalls Abbauplänen betroffen sind, wehren sich die Sorben.
„Unter uns ist Kohle und Vattenfall will sie haben“, sagt Erika Petrick, 66, aus dem bedrohten Dorf Rohne, das zur Gemeinde Schleife gehört, in einem Interview. Sie trägt die traditionelle sorbische Tracht, die in dieser Region noch von älteren Frauen getragen wird - Schürze, dicker Leinenfaltenrock, Rüschenbluse, Mieder und weiße Haube. „Wenn die Pläne Vattenfalls zum Tragen kommen, dann werden die Schleifer Sorben aussterben. Wir wollen sie aufhalten.“
Mehr als 25.000 Menschen - ethnische Sorben und Deutsche - wurden in den vergangenen 80 Jahren gezwungen, ihre Heimat in der Lausitz zu verlassen, um Platz für den Bergbau zu machen. Sie sind Opfer des Bedarfs an Braunkohle. Diese ist billig, ein einheimischer Bodenschatz und Energielieferant.
Braunkohlebedarf
Braunkohle ist für ca. ein Viertel der deutschen Stromproduktion verantwortlich, ein Anteil, den das Umweltministerium bis spätestens 2020 auf 28 Prozent ansteigen sieht, weil die Regierung den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen hat. Laut Hartmuth Zeiss, Vorstandsmitglied der Vattenfall Europe Mining AG, fördert Vattenfall in seinen 4 Lausitzer Tagebauen 60 Millionen Tonnen Braunkohle pro Jahr.
„Wir erwarten, dieses Abbauniveau in den nächsten Jahrzehnten beizubehalten“, sagte Zeiss auf einer Versammlung im Cottbuser Sitz der Firma. „Was würde es für einen Sinn machen, den Kohleabbau hier zurückzufahren, wenn er doch weltweit im Ansteigen ist?“
Die Lausitz erstreckt sich über ein Gebiet, das sowohl im Land Brandenburg als auch in Sachsen liegt. Die Sorben kamen im 6. und 7. Jahrhundert hierher. Ihre Schriftsprache geht bis auf die Reformation zurück und nur noch ca. 20.000 Menschen sprechen Sorbisch als Muttersprache.
„Mit dem Verlust dieser Dörfer sind regionale Sprachgebiete verschwunden, Gebiete unterschiedlicher sorbischer Identität gingen verloren und unsere Trachten verschwinden auch“ sagt Heiko Kosel, ein Vertreter der Linkspartei im Sächsischen Landtag.
Einzuebnende Dörfer
In Sachsen hat Vattenfall bereits die Erlaubnis der Regierung, den Tagebau Nochten auszudehnen und Teile der Dörfer Trebendorf und Schleife dem Erdboden gleich zu machen. Verhandlungen mit den 260 Menschen, die gezwungen sind ihre Heimat zu verlassen, wurden begonnen. In den folgenden Jahrzehnten will der Konzern weitere 1.500 Einwohner von Rohne und Mulkwitz, Schleife und Mühlrose umsiedeln.
In Brandenburg beantragte Vattenfall bei der Landesregierung, die Dörfer Atterwasch, Grabko und Kerkwitz abzureißen und 900 Menschen „umzusetzen“, um Platz für den Tagebau Jänschwalde Nord zu schaffen. Um den Tagebau Welzow-Süd zu erweitern, will der Konzern Proschim, Karlsfeld und Teile von Welzow niederwalzen, was 1.200 Einwohner betrifft.
„Wir können nicht 100 kleine Löcher in die Erde buddeln“ sagt Zeiss. „Um den Abbau profitabel zu machen, muss es eine große Fläche geben. Wir versuchen Umsiedlungen wo immer möglich zu vermeiden.“
Protestpetition
Gegner starteten im Oktober eine Petition, um einen Gesetzentwurf in Brandenburgs Landtag einzubringen, der den Aufschluss neuer Tagebaue verbietet.
„Wir haben ungefähr 10.000 Unterschriften“, sagt Rene Schuster, ein Sorbe, der die Kampagne der Umweltorganisation Grüne Liga gegen Braunkohle leitet. „Wir brauchen 20.000, um den Gesetzesentwurf im Parlament vorbringen zu können. Das Hauptziel ist, dass es keine neuen Tagebaue in Brandenburg geben soll. Das würde bedeuten, dass kein weiteres Dorf dem Bagger weichen müsste.“
Umweltpriorität bei Vattenfall haben nicht die Dörfer, sondern die CO2 Emissionen. Die Verbrennung von Braunkohle erzeugt eine dreifach höhere CO2 Emission als die von Erdgas. Die Vattenfall Kraftwerke Jänschwalde und Boxberg in der Lausitz gehören zu den 10 mit der höchsten Verschmutzung in Europa, laut Eintrag in die Europäische Liste der Umveltverschmutzer. Der Konzern entwickelt ein neues CO2 freies Kraftwerk in Jänschwalde, dessen Inbetriebnahme für 2015 geplant ist, so Zeiss.
„Wenn wir bei der Bewältigung dessen nicht erfolgreich sind, dann haben wir ein großes Problem.“ sagte Zeiss. „Nicht nur Vattenfall, nicht nur Deutschland, sondern die Kohleindustrie weltweit.“
Der Kampf des Dorfes
Horno, 2005 abgebaggert, war das letzte Dorf in Brandenburg, das dem Tagebau zum Opfer fiel. Die Menschen von Horno, oder Rogow auf Sorbisch, kämpften hart, indem sie ihren Fall 1998 vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg brachten. Das Gericht wies ihn 2000 ab und verfügte, dass die gewaltsame Zwangsumsiedlung von ethnischen Sorben nicht die Europäischen Konvention der Menschenrechte verletze.
Die Dorfbewohner wurden 10 Kilometer entfernt in eine neugebaute Siedlung außerhalb der Stadt Forst umgesiedelt. Vattenfall beteiligte sich an der Finanzierung des Archives "Verschwundene Orte in der Lausitz", einem kleinen Museum in Neu Horno, das Zeugnis über die Zerstörung durch Tagebaue ablegt.
Der Teppich des Museums ist eine Landkarte der Lausitz. Eine Unmenge von roten Punkten markiert die 136 Dörfer, die ganz oder teilweise verschwunden sind, einschließlich 27 Kirchen und unzähliger Bauernhäuser. Zurück in Rohne - oder Rowno in ihrer Sprache - listet Frau Petrick die Dörfer auf, an deren Verschwinden aus der Nachbarschaft sie sich erinnern kann. „Tzschelln, Merzdorf, die Hälfte von Mühlrose ... meine Schwiegereltern wohnten in Tzschelln“, erinnert sie sich. „Als es zerstört wurde, gingen alle in verschiedene Richtungen. Die Dorfgemeinschaft war zerstört.“
Wie würde es ihr gefallen, in einem neuen Dorf wie Neu Horno zu leben? Dort gibt es großzügige Häuser, einen herrlich grünen Dorfanger mit einem Teich und eine neue Kirche, die das 600 Jahre alte Original, das durch Vattenfall zerstört wurde, ersetzt. Die Bäume sind noch jung und klein und die Architektur hat Modelldorf-Charakter.
„Ich würde dort nicht leben wollen“, sagt Frau Petrick kopfschüttelnd, als sie uns am Tor eines 200 Jahre alten sorbischen Holzbauernhauses verabschiedet.“Es ist irgendwie zu steril.“ Original (Englisch):
http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601088&sid=aCW1fh0XInBE&refer=muse Wir danken Frau Sabine Herbst für die Übersetzung. |