Das Leben der Sorben in der Region Schleife

Dieser Artikel basiert auf dem Buch „Mühlroser Generationen“ von Cordula Ratajczak (siehe „Bücher zum Thema “). Dieses beschäftigt sich zwar ausschließlich mit dem Dorf Mühlrose, die Lebensbedingungen in den benachbarten Dörfern Rohne und Mulkwitz waren und sind aber vergleichbar.

Das sorbische evangelische Schleifer Kirchspiel liegt zwischen den katholischen obersorbischen Gebieten der Oberlausitz rund um Bautzen und den evangelischen niedersorbischen Gebieten der Niederlausitz rund um Cottbus. Die relativ abgeschiedene Lage inmitten der Muskauer und Neustädter Heide führte unter anderem zur Ausprägung eines eigenen sorbischen Dialektes („Schleifer Dialekt“).


In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts war das Leben um Schleife von Armut geprägt. Das fortwährende Teilen der landwirtschaftlichen Flächen (durch Weitergabe an mehrere Kinder) führte dazu, dass ein Überleben nur durch die eigene Landwirtschaft nicht mehr möglich war. Hauptsächlich die Männer waren gezwungen, durch Lohnarbeit in den gräflichen Kleinbetrieben der Standesherrschaft Muskau oder in den aufstrebenden Industriebetrieben in Weißwasser das Auskommen der Familien zu sichern.

Dadurch bewegten sich die Männer in einer deutsch geprägten „Außenwelt“, während die Frauen in den sorbisch geprägten Dörfern die Landarbeit bewältigten. Dies führte dazu, dass die gerade die Frauen zu Bewahrern der sorbischen Identität wurden.

Rein optisch ist dies auch daran zu erkennen, dass noch einige ältere Frauen Tag für Tag die sorbische Tracht tragen. Auch die sorbische Sprache (im Schleifer Dialekt) wird vorwiegend noch von den älteren Frauen als Alltagssprache benutzt.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Generation der bis 1930 Geborenen die erste zweisprachige Generation in der Schleifer Region ist.


Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die Standesherrschaft Muskau einen großen Einfluss auf das Leben der Menschen. Graf Arnim, der damalige Besitzer der Standesherrschaft, war zu dieser Zeit der größte Landbesitzer in der Lausitz überhaupt. Der Graf war einerseits Arbeitgeber und Patron, andererseits hielt er als Besitzer des umzäunten Waldgebietes „Tiergarten“, dessen Beeren und Pilze wichtige Nahrungsgrundlage und Handelsgut für die Dorfbewohner waren, die Abhängigkeit der Menschen aufrecht.

Trotz allen wirtschaftlichen Zwängen blieb die eigene Landwirtschaft der zentrale Lebensmittelpunkt der Menschen. Dies äußert sich bis heute durch die Beibehaltung der „Hofnamen“. Die ältere Generation benutzt bis heute die Familiennamen der Besitzer aus der damaligen Zeit, um ein Haus zu identifizieren, auch wenn die heutigen Bewohner ganz anders heißen.


Während der Nazi-Zeit waren die Sorben einerseits einer gewissen Verfolgung ausgesetzt, z.B. war eine Aussiedelung der Sorben in die deutschen Ostgebiete geplant, andererseits wurden sie als „eigentlich Deutsche“ bezeichnet.

Nach dem Krieg wird der Aufschluss des Tagebaus Nochten, südlich von Mulkwitz, vorbereitet. 1953 werden erste Erkundungsbohrungen vorgenommen. 1960 beginnt die Grundwasserabsenkung, ab 1968 erfolgt die Aufschlussbaggerung. 1973 beginnt die Kohleförderung.

Einerseits bedeutet der Tagebau für die Bewohner der Dörfer Rohne, Mulkwitz und Mühlrose die Möglichkeit, einer gut bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Andererseits werden sie mit den ersten Auswirkungen des Tagebaus konfrontiert. Die Grundwasserabsenkung lässt die Erträge auf den ohnehin schon kargen Sandböden der Region zurückgehen, Staub und Lärm beeinträchtigen das Leben der Menschen.


Anfang der 70er Jahre wird ein Großteil des Dorfes Mühlrose dem Tagebau geopfert. Die Dörfer Rohne, Mulkwitz und Mühlrose werden zum „Bergbauschutzgebiet“. Größere Investitionen in diesen Orten sind damit ausgeschlossen, Grundbesitz und Häuser entwertet.

Trotzdem halten viele an der Landwirtschaft im kleinen Rahmen fest. Sie dient den Menschen als Zubrot und als Ausgleich für die schwankende Versorgungslage in der DDR. Da die jüngeren Frauen mehr und mehr am industriellen Erwerbsleben teilhaben, wird die anstehende Feldarbeit vor allem von der älteren Generation weitergeführt.

Der Ausbau der Lausitz zum zur Bergbau- und Energieregion innerhalb der DDR führt zu einem gewaltigen Zuzug von rein deutschsprachigen jungen Menschen aus der ganzen Republik. Kleinere Städte wie Weißwasser oder Hoyerswerda verzehnfachen ihre Einwohnerzahl. Innerhalb der Städte wird dadurch das Sorbische endgültig aus dem Alltag getilgt.

Auch innerhalb der Dörfer setzt sich Deutsch, auch bedingt durch zunehmenden Zuzug Auswärtiger, als Alltagssprache durch. Um Deutsche nicht auszugrenzen, sprechen auch Sorben in der Öffentlichkeit Deutsch miteinander. Während die Kinder mit sorbisch sprechenden Großeltern aufwachsen, sind spätestens in der Schule deutsche Sprachkenntnisse unabdingbar. Dies führt z.B. dazu, dass Kinder auf sorbische Fragen der Älteren deutsch antworten.

In der Schule wird zwar Sorbisch-Unterricht angeboten, allerdings wird Obersorbisch gelehrt.

Einige Schüler besuchen das Niedersorbische Gymnasium in Cottbus und lernen zur niedersorbischen Sprache um. Die Verständigung mit den älteren sorbisch sprechenden Menschen in der Region Schleife bringt allerdings einige Probleme mit, da sich beide Sprachen – besonders die obersorbische – vom Schleifer Dialekt unterscheiden.

Allerdings bleiben sorbische Bräuche und Traditionen davon unberührt. Das Zampern, Maibaumaufstellen oder die diversen Osterbräuche überdauern die Jahrzehnte unbeschadet.

In den 70er Jahren führt die ständige Bedrohung der Dörfer durch den Tagebau und die Einschränkungen, die das Bergbauschutzgebiet mit sich bringt, viele Jüngere dazu, die Dörfer zu verlassen und in die Stadt zu ziehen.


Nach der Wende veranlassen steigende Mieten, die Aufwertung des Wohneigentums generell und die Zusage einer zeitlich begrenzten Zukunft bis in die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts, viele der Weggezogenen dazu, in die Dörfer zurückzukehren.

Die Marktwirtschaft führt allerdings auch dazu, dass Landwirtschaft und Viehzucht im kleinen Maßstab unrentabel werden und von den Jüngeren großteils aufgeben wird. Die Haltung von Kleintieren wird mehr und mehr zum Hobby.

Die veränderten Bedingungen, die durch den Zusammenbruch weiter Industriebereiche sowie durch einen massiven Arbeitsplatzabbau im Energiesektor entstehen, führen dazu, dass ein Großteil der nach 1970 Geborenen die Berufsausbildung in den alten Bundesländern aufnehmen muss. Auch die zu DDR-Zeiten einhergehend mit starker Industrialisierung aufgeblähten Städte entvölkern sich rapide. Die Einwohnerzahlen von Weißwasser und Hoyerswerda halbieren sich. Ein großer Teil des Neubaugebietes Weißwasser-Süd ist z.B. schon wieder abgerissen.

Andererseits erfolgt eine Rückbesinnung auf  das Sorbische. Das Sorbische Kulturzentrum Schleife entsteht, in Rohne wird der Njepila-Hof saniert.

In Rohne und Schleife startete das WITAJ-Projekt, in dessen Rahmen Kinder vom Kindergarten bis in die Grundschule teilweise in sorbischer Sprache unterrichtet werden.


Wir danken Herrn Wolfgang Kotissek vom Sorbischen Kulturensemble Schleife e.V.
http://www.sorbisches-folkloreensemble-schleife.de

 

Njepila-Hof Rohne: http://www.hermasch-rohne.de/Njepila/index1.html

Sorbisches Kulturzentrum Schleife - SKC- http://www.sorb-kulturzentrum.de 

Schleifer Sorbische Trachten: http://www.sorb-kulturzentrum.de/html/trachten.html 

Das WITAJ-Projekt bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Witaj