Neues andere Umsiedlungen

Auch andere Orte sind von der Umsiedlung betroffen oder kämpfen seit Jahren dagegen, z.B. der im Süden Leipzigs gelegene Ort Heuersdorf oder Orte im rheinischen Revier.

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Lausitzer Rundschau, 04.08.2008

Welzower Stadtverwaltung prüft die Möglichkeit einer Gesamtumsiedlung

Ungewisse Zukunft am Rand der Kante

Die Stadt Welzow (Spree-Neiße) sorgt für ein Novum in mehr als 220 Jahren Bergbau in der Lausitz: Zum ersten Mal ist eine Stadtverwaltung vom Parlament beauftragt worden, wegen der Belastungen durch den Tagebau eine Komplett umsiedlung zu prüfen. Die Entscheidung hängt jedoch nicht vom Willen der Welzower allein ab. Beschließen wird dies die Gemeinsame Landes planungsabteilung Berlin-Brandenburg – in einigen Jahren.

Auf den ersten Blick erscheint Welzow wie eine Stadt von vielen in der Lausitz: Der demografische Wandel macht auch der 4100-Einwohner-Kommune im westlichen Spree-Neiße-Kreis zu schaffen, viele Jugendliche ziehen weg, Arbeitsplätze sind rar. An der Hauptverkehrsstraße wechseln sich sanierte mit unsanierten Bauten ab, ein Teil der Neubaublöcke wenige Hundert Meter weiter erstrahlt in neuen Farben, im Wohnpark werden gerade Häuser, die früher von Rotarmisten bewohnt waren, instand gesetzt. Und doch unterscheidet sich Welzow von den meisten anderen Städten der Region. Nur fünf Autominuten vom Zentrum entfernt liegt die Mondlandschaft des Tagebaus. Sie wird sich innerhalb der kommenden 30 Jahre wie eine Schlange um die Stadt herumwinden. Für viele Welzower bedeutet das, lange Zeit mit dem Bergbau Tür an Tür leben zu müssen – verbunden mit allen Einschränkungen, die das mit sich bringt.

Lärm statt ruhigem Fleckchen
Der Handwerker Ulf Matysiak hat im Jahr 2000 in Welzow für sich und seine Familie gebaut. Das Grundstück liegt in einer Nebenstraße, es ist ein schönes Häuschen. «Eigentlich hatten wir uns ein ruhiges Fleckchen ausgesucht» , sagt der 45-Jährige. Damit ist es jetzt jedoch vorbei. Wenn er morgens aus dem Fenster schaut, ist die Zukunft allgegenwärtig: «Wenn wir früh aufstehen, hören wir je nach Windrichtung das Rauschen der Bagger, das Quietschen und den Funk im Tagebau» , sagt er. Der Tagebau Welzow-Süd streift die Stadt in wenigen Jahren. An Matysiaks Haus wird er sich in etwa 400 Metern Luftlinie vorbeiarbeiten. Die Vorschnittbagger arbeiten zurzeit unweit des Gutes Geisendorf, wenige Kilometer nördlich der Stadt. Matysiak befürchtet, in Zukunft wesentlich mehr Beeinträchtigungen durch den heranrückenden Tagebau zu haben. Der Elektriker hatte sich vor acht Jahren nicht vorstellen können, dass der Bergbau so nah an sein Grundstück herankommt.
Der 45-Jährige ist einer derjenigen, die im Bürokratendeutsch als «Randbetroffene» gelten. Sie müssen nicht umgesiedelt werden, aber trotzdem mit Einschränkungen rechnen – vor allem mit Schmutz und Lärm. Dazu kommt: Da Vattenfall auch das Welzower Teilfeld II südlich und südwestlich der Stadt beansprucht, könnte Welzow in 20 Jahren von drei Seiten vom Tagebau umschlossen sein.

Nachteil für Tagebauanrainer
Auch auf Lutz Frauenstein kommen die gewaltigen Braunkohlenbagger zu. Sein Haus steht im Westen Welzows. «Hier in 400 Metern Entfernung ist später das Teilfeld II» , sagt er und zeigt Richtung Westen. Im April hatte er federführend mit anderen Welzowern einen Einwohnerantrag auf die Beine gestellt, der die Stadtverwaltung nun zwingt, sich mit der Variante der Gesamtumsiedlung auseinanderzusetzen. «Die, die hierbleiben, sind nachher beschissener dran als diejenigen, die umgesiedelt werden» , sagt der Unternehmer. Deshalb ist er aktiv geworden. Eine erste Niederlage hat er der Verwaltung bereits beigebracht. Sie muss sich mit den Thesen der Bürger auseinandersetzen. Frauenstein, der gemeinsam mit einigen Mitstreitern den Sprung ins Stadtparlament schaffen möchte, hat die Forderungen kürzlich vor den Stadtverordneten vorgetragen. Er und mehr als 360 Welzower, die für den Einwohnerantrag unterschrieben haben, fordern Verträge mit Vattenfall, damit Lärm- und Schmutzemission möglichst gering ausfallen. Auch Forderungen wie Ausgleichszahlungen, Gutschriften für Energie und Steuervorteile für Randbetroffene stehen im Raum.
Doch es gibt nicht wenige Welzower, die lieber freiwillig umziehen würden als jahrelang die Folgen des Bergbaus zu ertragen – auch das hat Lutz Frauenstein in vielen Gesprächen erfahren, wie er sagt. «Deshalb muss man sich mit dem Gedanken befassen, ob es nicht sinnvoller ist, die Stadt ganz aufzugeben und komplett umzusiedeln.» Das sei nicht sein primäres Ziel, aber eine Variante, die die Verwaltung prüfen müsse. Ähnlich denkt auch Handwerker Ulf Matysiak: «Wenn man Neu-Haidemühl betrachtet, hat sich wohl niemand verschlechtert» , sagt er. «Wir können uns theoretisch nur verbessern.» Er würde im Zweifelsfall eher umziehen als bleiben, trotz des großen Heimatgefühls.
Die Stadt scheint in zwei Lager gespalten. In einem Zehn-Punkte-Programm sprechen sich Stadtverordnete und Verwaltung klar für den Bergbau und den Erhalt der Stadt aus. Umsiedlungen stehen sie kritisch gegenüber. Sie seien nur zu tolerieren, wenn sie unvermeidlich sind. Zudem heißt es dort, dass Umsiedlungen nur dann zu rechtfertigen sind, wenn sie das soziale, wirtschaftliche und städtebauliche Gefüge nicht schwächen. Für Lutz Frauenstein gehen diese Überlegungen nicht weit genug. Er bezweifelt, dass in der Stadt die Standortnachteile ausgeglichen werden können und befürchtet ein langsames Sterben der Vereins- und Infrastruktur.

Rechtliche Möglichkeiten
Rein rechtlich sei es möglich, eine Komplettumsiedlung einer Stadt in den Planungen zu überdenken, sagt Klaus-Otto Weymanns von der Gemeinsamen Landespla nungs abteilung Berlin-Brandenburg. Sein Referat GL 7 mit Sitz in Cottbus ist für die Erarbeitung der Braunkohlenpläne für die Lausitz zuständig. Falls die Welzower Stadtverordneten beschließen, dass eine Gesamtumsiedlung der gemeinsame Wille ist, könne dies ins Braunkohleplanverfahren für das Teilfeld II des Tagebaus Welzow-Süd mit einfließen. Durchschnittlich dauern die Abwägungen insgesamt fünf bis sechs Jahre. Der Behörde liegen die Unterlagen von Vattenfall seit vergangenem Jahr vor, so Weymanns.
Ziel der Planer ist es, Umsiedlungen möglichst zu vermeiden. Das spricht gegen eine Gesamtumsiedlung der Stadt Welzow. Da die Planungen jedoch auch die Randbe troffenheit mit berücksichtigt, ist dieser Schritt dennoch theoretisch möglich. Wenn Vattenfall das Recht eingeräumt wird, das beantragte Teilfeld II zu nutzen, in dessen Grenzen sich die Dörfer Lindenfeld, Proschim und Karlsfeld befinden, sind die Welzower von drei Seiten vom Tagebau umschlossen. Offen bleibt ihnen dann nur noch der Weg Richtung Neupetershain und Richtung B 169, die Cottbus und Senftenberg miteinander verbindet. «Wir haben festgestellt, dass die Randbetroffenheit emotional stärker wahrgenommen wird als eine Umsiedlung» , sagt Karl-Otto Weymanns. Zurzeit sei für die Landesplaner ein Gesamtumzug der 4100-Einwohner-Stadt noch kein Thema. «Aber wir verfolgen die Entwicklung in Welzow natürlich mit Interesse.»
Ein weiteres Puzzlestück in der Abwägung des Braunkohleplanverfahrens ist die Frage, wie viel Rohkohle Vattenfall überhaupt benötigt, um das Kraftwerk in Schwarze Pumpe langfristig betreiben zu können. Würde die Koh lemenge, die unter Welzow lagert, überhaupt nicht benötigt, rückte die Frage nach einer Gesamtumsiedlung in den Hintergrund. Lutz Frauenstein und seine Mitstreiter pochen auf das Bergrecht und fordern, dass die Lagerstätte voll ausgebeutet werden muss – sonst handele es sich um Raubbau. Das Brandenburger Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe in Cottbus schränkt jedoch ein: «Dies lässt sich nicht verallgemeinern. Man muss abwägen, welche Argumente dafür und dagegen sprechen» , so Dezernent Wolfgang Buckwitz. So fragt sich auch Planer Weymanns, ob ein deutliches Mehr an Kohle dann noch im Kontext der Energiestrategie des Landes steht. Diese Frage wird das Planverfahren beantworten.
Für das Bergbauunternehmen ist diese Frage bereits beantwortet. Detlev Dähnert, Leiter Bergbauplanung bei Vattenfall, betont: «Wir haben unsere Standpunkte mündlich und schriftlich bei der Beantragung der Nutzung des Teilfelds II dargelegt.» Auf die Frage, ob Vattenfall ein Interesse hat, auch die Kohle unter Welzow zu nutzen, sagt Dähnert: «Derzeit nicht. Wir gehen davon aus, dass Welzow stehen bleibt. Es ist eine gewachsene und gesunde Stadt – und die soll es auch bleiben.»
Ulf Matysiak beschäftigt sich nicht ständig damit, wie es in 15 Jahren mit ihm, seiner Familie und mit Welzow weitergeht. «Wir machen das Beste daraus.» Doch ein Geräusch erinnert ihn immer wieder an die Welzower Gretchenfrage: «Wenn ich die Bagger draußen rauschen höre, dann denke ich wieder dran.» Also fast jeden Tag.


Tagebau Welzow-Süd

Am 14. November 1966 begann im Tagebau Welzow-Süd die Rohkohleförderung. Im März 1969 startete die Montage der weltweit ersten F 60-Abraumförderbrücke.
Welzow erfuhr nach der Wende eine große Zäsur . Die Glasindustrie und viele Betriebe verschwanden, die letzte Brikettfa brik – 1992 stillgelegt – ist inzwischen abgerissen.

Von Sascha Klein