Neues Abbaugebiet 2

Vattenfall hat die Erweiterung des Tagebau Nochten beantragt. Das Planverfahren dazu läuft.

Lausitzer Rundschau, 17.09.2008

Ergebnisse einer anonymen Befragung der Rohner, Mulkwitzer und Schleifer vorgestellt

Nichts geht ohne Bürgermeinung

«Von uns kann niemand verlangen, vorbehaltlos der Abbaggerung unserer Dörfer zuzustimmen.» Das hat Schleifes Bürgermeister Reinhard Bork am Ende der Bürgerversammlung am Montagabend unterstrichen. In dieser waren die Rohner, Mulkwitzer und Schleifer über die Ergebnisse der anonymen Bürgerbefragung in ihren Dörfern informiert worden. Etwa ein Drittel jener Einwohner, die überhaupt auf diese Frage geantwortet haben, äußerten sich gegen eine Inanspruchnahme.

Bei der Befragung ging es um die von Vattenfall beabsichtigte Inanspruchnahme des Vorranggebietes vom Tagebau Nochten und die damit verbundene Umsiedlung von etwa 1200 Menschen. 454 von 1086 Fragebögen waren von den Einwohnern zurückgesandt worden. «Das ist eine Beteiligung von 42 Prozent» , sagte Dr. Michael Kossakowski vom Büro Intelligenz System Transfer, das die Befragung im Auftrag der Gemeinde auswertete, und nannte es einen Erfolg.

Ohne die Bürgermeinung will die Gemeinde Schleife keine Stellungnahme zum Vorentwurf des fortgeschriebenen Braunkohleplanes abgeben. Das hatte Bürgermeister Reinhard Bork bereits in der Vergangenheit gesagt und es am Montagabend im vollbesetzten Saal des Sorbischen Kulturzentrums wiederholt. Die Gemeinde hatte sich für diesen Weg, die Leute jetzt schon einzubeziehen, entschieden, obwohl die offizielle Anhörung der Einwohner laut Planverfahren erst im nächsten Jahr ansteht.

«Das ist eine Beteiligung von 42 Prozent»

Der Fragenkomplex, auf den Dr. Kossakowski nach detailliert einging, war im Frühsommer von Gemeinde- und Ortschaftsräten ausgewählt worden. Kossakowski bedankte sich für die rege Teilnahme. Herausgekommen sei bei dieser anonymen Befragung ein «differenziertes, aufschlussreiches Stimmungsbild» der Betroffenen. Bei der Auswertung der Antworten sei sehr deutlich geworden, wie sehr sich mit dem Thema auseinandergesetzt wurde. Kossakowski sprach von «sehr persönlichen Bemerkungen und rührenden Lebensgeschichten» , die aufgeschrieben wurden. «Für die Gemeinde ist das in der Zukunft sehr hilfreich» , stellte er fest.

Die Beteiligung in den drei Ortsteilen war laut der vorgestellten Ergebnisse unterschiedlich. Derweil sich 30 Prozent der Mulkwitzer beteiligten, waren es in Rohne 40 und in Schleife 45 Prozent. Vor allem die über 40-Jährigen haben die Fragen beantwortet. «Dabei ist auch die Frage aufgeworfen worden, warum Kinder und Jugendliche nicht beteiligt wurden.» Der IST-Mann gab am Montagabend die Antwort: Die Räte hatten sich im Vorhinein für die Wahlberechtigten entschieden.

Besonders wichtig sei den Räten die Antwort auf die Frage gewesen: «Wenn Sie an die Inanspruchnahme des Vorranggebietes und eine mögliche Umsiedlung denken, was bewegt Sie dabei?» Allein dazu haben die Auswerter über 1300 Hinweise von den betroffenen Menschen erhalten, wobei sich 30 Prozent der Mulkwitzer und 13 bzw. 14 Prozent der Rohner und Schleifer gar nicht dazu äußerten. Das Büro hat die Gedanken nach der Häufigkeit ausgewertet und dabei festgestellt, dass die meisten Menschen von Verlustängsten geplagt werden, wenn sie an den Tagebau und eine Umsiedlung denken. Psychologe Kossakowski sprach von der Angst, die Heimat und den angestammten Lebensraum zu verlieren, dass die Grundstücke, Landschaft und Natur unwiederbringlich verloren gehen. Nie wieder sei der Ort wieder so wie jetzt. Es falle schwer, alles aufzugeben. Alles, was lebenswert sei und wofür Generationen lebten, werde dem Bagger zum Opfer fallen.

Er betonte, dass die meisten Widerstand ankündigen, weil sie die Umsiedlung ablehnen, ein Teil sogar sagt: «Wir wollen nicht weg» , unsere Heimat nicht wegen der Kohle verlassen. Es werde auf die Wahrung der Menschenrechte verwiesen. Die Emotionen reichen von großer Traurigkeit, über Herz- und Magenschmerzen bei den Gedanken an den Tagebau, an Ohnmacht und Verzweiflung. 27 Prozent zeigten Einsicht , dass die Braunkohle wichtig ist für den Erhalt und Schaffung von Arbeitsplätzen, sehen in der Umsiedlung eine Chance für einen Neuanfang. Für 22 Prozent sei klar, dass Umsiedlungen zum Leben gehören. «Das sind alles wichtige Hinweise darauf, was und wie die Menschen denken. welche Sorgen sie quälen» , brachte es der Redner auf den Punkt und sagte, dass das in die Stellungnahme der Gemeinde einfließen werde.

Nachdenklich stimmte die Information, dass sich nur 141 der Antwortwilligen eine gemeinsame Umsiedlung innerhalb der Verwaltungsgemeinschaft (VG) Schleife vorstellen können.

Im weiteren Verlauf ging es um den Komplex, der zehn Fragen beinhaltete – von der Vertrautheit mit der Energiepolitik Sachsens über rechtliche Grundlagen des Kohleabbaus, Zukunft der Braunkohle, Kenntnisse über die Umsiedlungspraxis allgemein und die Vertrautheit mit Entschädigungsregelungen insbesondere bis zum zeitlichen Ablauf einer möglichen Umsiedlung und Umsiedlungsstandorten.

Die gegebenen Antworten enthalten zahlreiche Hinweise, Kritiken und Bemerkungen, auf die am Montagabend auch eingegangen wurde. Sie lassen schlussfolgern, dass es einen hohen Informationsbedarf zu den verschiedensten Themen, vor allem zu praktischen Dingen, gibt.

Nachdenklich stimmte die Information, dass sich nur 141 der Antwortwilligen eine gemeinsame Umsiedlung innerhalb der Verwaltungsgemeinschaft (VG) Schleife vorstellen können. Für 32 sei das gemeinsam außerhalb der VG denkbar, 83 plädieren für Einzelumsiedlung in der VG, 114 wollen wegziehen und 41 haben andere Vorstellungen.

Sollte es zu einer Umsiedlung kommen, dann wollen 46 Prozent der Betroffenen, die sich dazu geäußert haben, schnellstmöglich umsiedeln und 20 Prozent so spät wie möglich.

Dr. Michael Kossakowski schlussfolgerte aus all dem und empfahl, die Anregungen und Meinungen sowie Sorgen der Bürger in der Stellungnahme der Gemeinde zu berücksichtigen. Des Weiteren sollte mit vielfältigen Informationen Klarheit geschaffen, Ängste und Sorgen abgebaut werden. Dazu seien die sächsische Staatsregierung, der Regionale Planungsverband, Vattenfall und die Gemeinde gefragt. Kossakowski riet, verbindlich in schriftlicher Form zu informieren, um so Unklarheiten und Missverständnissen vorzubeugen. Außerdem sollte alles Informationsmaterial gesammelt und zur Einsicht für die Bürger bereitgehalten werden.

«Ihre Meinungen fließen in unsere Stellungnahme ein – aber wie weit wir Gehör finden?» , stellte Bürgermeister Bork zum Abschluss in den Raum.


 

Zum Thema: Gedanken von Jörg Funda aus Rohne

Jörg Funda aus Rohne, der im Vorranggebiet mit seiner Familie lebt, hatte sich während der Bürgerversammlung zu Wort gemeldet und für die RUNDSCHAU diese Gedanken noch einmal aufgeschrieben:


Ich wohne mit meiner Frau, zwei kleinen Kindern sowie Schwiegermutter im Elternhaus meiner Frau in Rohne.
Wie bereits am Montagabend angesprochen, ging die Bürgerbefragung inhaltlich im Wesentlichen an meiner Schwiegermutter vorbei, sie ist mittlerweile 73 Jahre und beschäftigt sich beispielsweise nicht mit der Energiepolitik des Landes Sachsen oder der Co 2 Abscheidung. Ich denke, das ist durchaus nachvollziehbar. Aber auch die weiteren Themen möchte sie am Liebsten weit weg wissen. Auf unsere Fragen, wie sie sich die weitere Entwicklung vorstellt, antwortete sie wörtlich: „wenn es soweit ist, bin ich hoffentlich tot“. Der Gedanke daran, dass sie ihren verstorbenen Gatten umbetten muss, ist für sie unerträglich. Wissen Sie wie emotional schwer allein diese Sachverhalte für uns als Familie sind? Wir haben hierfür derzeit keine Lösungen und fühlen uns da alleingelassen.

Wir werden hier mit Problemen konfrontiert, die ich für meinenTeil nicht haben möchte. Unabhängig davon muss man sich damit beschäftigen, ob man es will oder nicht, man hat ja keine andere Wahl. Wir sind gezwungen dazu, um Entscheidungen zu treffen, die unsere und die Zukunft unserer Kinder betreffen.

«Wenn Bürgermeister Reinhard Bork mir seinen nicht genommenen Urlaub anbietet, soll das sicherlich witzig sein, ändert aber nichts.»

Üblicherweise ist das ein Prozess, der Schritt für Schritt (mal größere mal kleinere) geschieht. Hier aber geht es um wesentlich mehr, und dazu muss man sich mit dem Thema beschäftigen. Uns bleibt ja nur die Wahl, die Fehler, die wir machen können, zu minimieren. Um sich aber einen gewissen Überblick zu verschaffen, braucht es eben Zeit, und die wiederum steht ja nun weiß Gott nicht unendlich zur Verfügung.

Wichtig zu berücksichtigen ist auch, dass uns mit Vattenfall und deren Beauftragten Leute gegenüberstehen, deren Job die Be- und Abarbeitung dieser Sachen ist und die auf „Erfahrungen“ in Sachen Umsiedlung und auf ganze Stäbe in ihren Unternehmen zu- greifen können. Das hat niemand von uns, und Unterstützung von Seiten der Staatsregierung gibt’s ja faktisch auch nicht. Wir kommen ja quasi nicht mal ansatzweise dazu, um auf „Augenhöhe“ mit jemandem zu sprechen. Für die Leute von Vattenfall oder auch von dem Büro, welches die Befragung gemacht hat, sind solche Bürgerversammlungen Arbeitszeit. Für mich aber wertvolle Freizeit.

Ich glaube, die Gemeinde müht sich redlich, kann aber diese Misere auch nicht ändern. Wenn Bürgermeister Reinhard Bork mir seinen nicht genommenen Urlaub anbietet, soll das sicherlich witzig sein, ändert aber nichts. Das beweist nur, dass er für dieses Thema auch keine Lösung hat. Ich will ja nicht jammern, aber selbst- bestimmtes Leben (zumindest was dies betrifft) sieht doch anders aus. Jede Stunde, die ich mit dem verbringen kann, was ich mag, ist einfach angenehmer. Sei es, sich mit den Kindern und der Familie beschäftigen, Haus und Hof in Ordnung halten, die Kinder im Verein zu trainieren, ein gutes Buch zu lesen, mit Freunden weggehen oder einfach nur faul auf dem Sofa zu liegen, ist weitaus schöner, als im SKC zu sitzen, sich schlechte Nachrichten anzuhören und vor anderen quasi seine Emotionen auszuschütten.

Von Gabi Nitsche