Neues Initiativen/Protest

Spätestens seit Horno regt sich in der Lausitz Widerstand gegen die Braunkohlenförderung. Neues dazu hier.

Neues Deutschland, 20.08.07

»Zu euch kommen wir auch noch«

Vattenfall möchte Proschim abbaggern

 

 Der Braunkohletagebau Welzow ist einer der größten in Deutschland. 1962 ging es westlich von Spremberg und südöstlich des Dorfes Haidemühl los. Bis 1990 waren zehn Dörfer umgesiedelt, danach folgten Kausche, Geisendorf und Haidemühl. Sie alle gehören zum ersten Abschnitt des Tagebaus. Der Energiekonzern Vattenfall hat Ende Juni beantragt, auch einen zweiten Abschnitt abbaggern zu dürfen. Die Bagger bewegen sich momentan auf die Bahnlinie Cottbus-Senftenberg zu, um in wenigen Jahren zu drehen und dann im Südosten der Stadt Welzow hart an den Kleingärten vorbeizuschrammen.

Schon jetzt werden dort, wo vor wenigen Jahren noch die Brikettfabrik Kausche stand, Entwässerungsleitungen gelegt. Wenn der Tagebau so um das Jahr 2030 an seinem Ausgangspunkt angekommen sein wird, hat er 60 Quadratkilometer Erde aufgerissen und wieder zugeschüttet.

Hat der Energiekonzern Vattenfall bis dahin die nächste bergrechtliche Genehmigung bekommen, schwenken die Bagger erneut um 180 Grad, gehen über die Wüstung Haidemühl und nehmen dann Kurs auf die Bergarbeiterstadt Welzow. Zwar bleibt der Kern der Stadt verschont, aber das Wohngebiet V wird zerstört, der Flugplatz abgebaggert und Welzow ist fortan nur noch eine Halbinsel. Eine Straße wird noch hineinführen, die Verbindungen nach Spremberg und Hoyerswerda sind aber abgeschnitten. Schon heute führt die Straße nach Kausche ins Nichts. Der Name auf dem Ortsausgangsschild wurde gelb übermalt. Es geht um 210 Millionen Tonnen Rohbraunkohle, die bis 2050 reichen sollen, solange etwa, wie das Kraftwerk Schwarze Pumpe noch laufen wird. Weitere 30 Quadratkilometer Lausitz werden dann zu Bergbaulandschaft und am Ende entsteht wieder ein See. Dort, wo später der See sein soll, liegt heute noch das Dorf Proschim.

Die Proschimer saßen schon einmal auf gepackten Koffern, als der Tagebau Proschim kommen sollte. Mit dem Ende der DDR hatte sich auch der Braunkohlenplan erledigt und Proschim bekam die Chance für ein zweites Leben. Die Bauern begannen ökologisch zu ackern und probierten zwischendurch auch mal die Zucht von Bisons. Vier Windanlagen mit je 650 Kilowatt Leistung stehen südlich des Ortes. Dazu kommen eine Solaranlage und ein Blockheizkraftwerk. Ein zweites Heizkraftwerk ist im Bau. Als der Bergbau weit weg schien, flossen Fördermittel. Mühle und Dorfkrug wurden saniert, Bürgersteige gebaut und plötzlich gab es Planungshorizonte, die vorher undenkbar waren. Der damalige Brandenburger Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) schrieb ins Gästebuch: »Um Proschims Zukunft mache ich mir keine Sorgen.« Das hat sich inzwischen erledigt.


Aufsässige CDU-Mitglieder

Im Frühjahr kamen die Pläne von Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) ans Licht. Er hatte über neue Tagebaue nachdenken lassen, was Vattenfall gefällt, aber die Betroffenen aufbringt. Zuvor wurde Proschim zwangsweise zur Stadt Welzow eingemeindet. Weil die Proschimer den Grund kannten, haben sie sich gewehrt und vor Gericht geklagt. Es war erfolglos. Bürgermeister Erhard Lehmann ist heute nur noch Ortsteilbürgermeister.

Dass Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) sie im Zuge der Gemeindegebietsreform den Welzowern auslieferte, haben ihm die CDU-Mitglieder von Proschim bis heute nicht verziehen. Als Junghanns seine Liebe zum Braunkohlebergbau offenbarte, stornierten sie die Mitgliedschaft. »Er hat uns sofort angerufen«, erzählt Erhard Lehmann bedächtig, »und wir haben ihm gesagt, dass wir unsere Mitgliedschaft ruhen lassen werden, bis er abtritt oder seine Kohlepläne aufgibt.« Junghanns wollte das in Proschim klären, bis heute warten die Proschimer auf den Ministerbesuch.


Beschwerde bei seiner Majestät

Es fällt den Leuten in Proschim schwer, sich mit den Bergleuten anzulegen. Irgendwie sind die Welzower und waren die Haidemühler ja auch ihre Nachbarn. Die Bergleute haben Fleisch vom Bison und vom Rind gekauft und waren bei den Dorffesten in Proschim. Die Kinder der Proschimer wieder gingen in die Schule von Haidemühl, bis die abgerissen und in Spremberg neu eröffnet wurde.

Die Wut der Proschimer richtet sich gegen den schwedischen Konzern Vattenfall. Auf einem Plakat steht sarkastisch: »Hinter der Brücke beginnt das Königreich Schweden.« Sie haben an den schwedischen König geschrieben, dessen Vorgänger sich noch König der Goten und Wenden nannte, aber keine Antwort erhalten.

Proschimer waren bei der Gründung der Initiative für einen Volksentscheid über die Zukunft der Tagebaue dabei, und zum Volksfest setzte sich die Linkspartei in Gestalt der Landtagsabgeordneten Carolin Steinmetzer-Mann an den Stammtisch. Beim Stammtisch ging es um solche Kleinigkeiten wie Blockheizkraftwerke und Fördermittelanträge und vor allem darum, wie der Tagebau doch noch verhindert werden kann.

Ein Thema ist die von Vattenfall geplante Dichtungswand. Die Wand soll sich zwischen Proschim und die Lausitzer Seen schieben, damit der Tagebau nicht aus den eben erst gefluteten Seen mit Grundwasser überschwemmt wird. Technisch bedingt weit vor dem Dorf, so weit, dass die Wand auch noch das Teilfeld 2 schützen wird, wenn es soweit ist.

Dafür gibt es allerdings keinen rechtlich haltbaren Grund. Denn der neue Tagebau hat noch nicht den Hauch einer Genehmigung. Er gilt auch nicht mehr als bereits in der DDR begonnen, sondern muss das volle Genehmigungsverfahren durchlaufen, wofür mit allen Beteiligungen und Auslegungen die Behörden wenigstens zehn Jahre veranschlagen. Diese Zeit wird sehr lang werden. Zum einen bewegt sich der Tagebau bald nach Süden, zum andern ist die Wahrscheinlichkeit, nach dem Schicksal des abgebaggerten Dorfes Horno das eigene Ende abzuwenden, nicht allzu groß. »Das wird sich nur ändern, wenn die Landesregierung ihre Energiepolitik ändert«, sagt der Ortsteilbürgermeister und hofft, dass die Panne mit der Kohlestudie »die Leute aufrüttelt«. Eine Studie zur Möglichkeit weiterer Tagebaue – in Auftrag gegeben vom Wirtschaftsministerium – war unbeabsichtigt früh bekannt geworden.


Plünderer und Neubauten

Wer sehen will, wie es Proschim ergehen könnte, braucht nur zwei Kilometer weiter nach Haidemühl zu fahren. Obwohl das Dorf schon vor über einem Jahr umgesiedelt wurde, stehen noch die meisten Häuser und ziehen Ratten und Plünderer an. Autos fahren durch die Ruinenwelt, Fremde suchen nach Buntmetall, seltenen Pflanzen oder irgendeinem noch brauchbaren Bauteil. Die Glasfabrik, seit Jahren schon stillgelegt, wartet auf den Abriss. Die Durchgangsstraße ist in einem erbärmlichen Zustand. Arbeiter reißen die Nebenstraßen auf und verladen Steine. Container stehen vor den Grundstücken. Einer hat zu Lehmann gesagt: »Zu euch kommen wir auch noch.«

Sie haben sich das neue Haidemühl angesehen. Erhard Lehmann sucht nach Worten. Er weiß nicht, wie er das jemandem erklären soll, der kein Christ und kein Alteingesessener ist, keiner mit Haus und Hof und Acker hinterm Haus. Ohne Karnickelstall und ohne das Wissen darum, wie gefüttert, gesät und geschlachtet wird, und der nicht wissen kann, wie schön die Liebe im Heu ist. Er hat auch das neue Horno besucht und das neue Kausche. »Die wohnen dort wie in einer Vorstadt«, sagt er schließlich. »Ich habe einen getroffen, der schraubt nur noch an seinem Auto rum, weil er keine Tiere mehr hat.«

In vorindustrieller Zeit war Welzow das sorbische Dorf Wjelzej und seine Christen liefen sonntags über den Berg zur Kirche von Šcenc (Steinitz). Später wuchs die Stadt mit Kohle und Glas bis auf 7500 Einwohner, hatte Kirche und Bahnhof und sehr viele Kilometer Industriegleise. Davon ist nichts geblieben. Die Industrie ist größtenteils verschwunden und auf den asphaltierten Gleistrassen radeln die Bergbautouristen.

Wären nicht die Eingemeindungen erfolgt, Welzow hätte wohl weit weniger als 4000 Einwohner, und kommt der Tagebau, verliert es noch einmal 1000 Bürger. Der Abgeordnete Bernd Teclaw klingt traurig, wenn er sagt, dass nur noch eine Grundschule in Welzow geblieben ist, der klägliche Rest eines modernen Schulgebäudes, dessen überwiegender Teil im vergangenen Jahr unspektakulär abgerissen wurde.

Weite Teile der dörflich gebliebenen Stadtmitte sind so verödet, als gelte Vattenfalls Antrag auf Abriss und Vorfeldberäumung nicht Proschim, sondern Welzow. Die einzige neue Straße führt vom stillgelegten Bahnhof zum Luftlandeplatz, der einst von der Roten Armee zum größten Flugplatz außerhalb der Sowjetunion ausgebaut wurde, nun aber perspektivlos vor sich hindümpelt. Kaum einer landet hier. Ein Mitarbeiter meint misstrauisch, dass er nicht sagen könne, wann die nächste Maschine landet, weil sich die Flugzeuge erst fünf Minuten vorher anmelden müssen. Und die letzte Landung? »Vor einer Viertelstunde, da war der ADAC-Hubschrauber zum Tanken hier.«

»Follow Me«, steht auf dem Schild des geparkten Fahrzeugs und man weiß nicht, ob das ein Befehl ist, oder ein sehnsüchtiger Wunsch. »Proschim verdient nicht, abgerissen zu werden«, sagt der Ortsteilbürgermeister düster, »auch Welzow steht auf Kohle.«

Von Klaus Muche