Neues Initiativen/Protest

Spätestens seit Horno regt sich in der Lausitz Widerstand gegen die Braunkohlenförderung. Neues dazu hier.

Lausitzer Rundschau, 19.09.2007


Wut, Resignation aber auch Widerspruch in Kerkwitz, Atterwasch, Grabko und Taubendorf

 

Dörfer in Gubener Region im Schockzustand


Wut, Verdrängung, Resignation und auch ein Fünkchen Hoffnung – so lässt sich die Stimmungslage beschreiben, die gestern nach Bekanntwerden der neuen Tagebau-Pläne in den Orten Kerkwitz, Atterwasch und Grabko vorherrschte. Die drei Dörfer sollen, so hat gestern der Energiekonzern Vattenfall vermeldet, in den Jahren 2028 bis 2035 der Kohleförderung weichen.

«Wir leben schon seit Generationen hier, haben einen großen Hof, das gibt man nicht einfach auf» , sagt in Atterwasch ein Landwirt. Sein blauer Arbeitsanzug bietet nur wenig Schutz vor dem Regen, der kräftig gegen die Führerhaus-Scheibe seines Traktors knallt. So richtig realisiert habe er die Entscheidung des Energiekonzerns ohnehin noch nicht, ergänzt er. Trotzdem sei er mächtig sauer. «Wir haben uns schließlich hier mühsam etwas aufgebaut.» Seinen Namen will der Mann nicht in der Zeitung lesen. «Was meinen sie, was dann morgen im Ort los ist» , erklärt er.

n Kerkwitz gab es vor ein paar Tagen ordentlich Grund zum Feiern. Das Ereignis steht noch auf einem Plakat am Vereinsheim: 60 Jahre Kleintierzüchterverein. Neben der Ankündigung gibt es ein paar Fotos des Festes zu bewundern. Sogar aus dem Saarland waren Gäste da, um sich zwei Kaninchen der Rasse Kleinsilber blau für die eigene Zucht mitzunehmen. Ein Aufkleber an der Heckscheibe eines parkenden Autos symbolisiert den Stolz der Einwohner auf ihr Dorf. «Kerkwitz macht's möglich» , ist darauf zu lesen.

Jetzt ist sogar das Fernsehen da. Das Team, das vor der geschlossenen Gaststätte Stellung bezogen hat, hat für die Vereinshistorie zunächst keinen Blick. Es gilt, die teure Technik vor dem Regen zu schützen. Ein Mann, der hastigen Schrittes über die Straße geht, winkt nur ab. «Ich will nichts sagen.» Eilig hat es auch eine ältere Frau auf ihrem Fahrrad. Fast hat es den Anschein, als würde sie fliehen – vor dem Regen und vor den Journalisten.

Katrin Lehmann hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Die Frau des Ortsbürgermeisters sagt , dass alle erst einmal sehr bestürzt gewesen seien, als sie am Morgen die Nachrichten hörten und die Zeitung lasen. «Wir werden aber mal abwarten, was sie uns erzählen» , sagt die 41-Jährige mit Blick auf Vattenfall. Und sie ergänzt: «Aber unsere Tochter ist geschockt. Und was unser Sohn sagen wird, wenn er es erfährt – keine Ahnung.» Erst 1990 hatte Katrin Lehmann gemeinsam mit ihrem Mann Roland das Haus der Schwiegereltern umgebaut, «fast neu gebaut» , sagt die Kerkwitzerin. Bis zur Wende sei es ja wohl nicht erlaubt gewesen zu bauen. «Unser Grundstück war da für die Kohle eingetragen. Nach der Wende konnten wir es austragen lassen» , sagt Katrin Lehmann. Jetzt könne es passieren, dass sie kurz vor der Rente noch einmal woanders hinziehen müsse. Aber das müsse dann ein Ort sein, der vor der Kohle wirklich sicher sei. Guben scheint ihr da nicht geeignet zu sein. Es ist ja auch nicht weit weg von Kerkwitz und Atterwasch.

Und die junge Frau, die in Guben als Frisöse arbeitet, denkt auch besorgt an die Nachbarn. «Da fängt der Sohn von einem Gubener Unternehmer erst an, ein Haus zu bauen, hat gerade die Baugrube ausgehoben. Was wird da jetzt werden«» , fragt Katrin Lehmann. Auf jeden Fall wollte die Familie gestern Abend in die Gaststätte gehen, wohin der RBB eingeladen hatte. Ihr Mann hatte die Räumlichkeit noch organisiert, bevor er nach Forst fuhr, wohin der Landrat und Vattenfall die Bürgermeister eingeladen hatten. Noch am späten Montagabend sei dazu die Einladung gekommen.

Nur wenige Kilometer weiter wirkt Grabko wie ausgestorben – jetzt schon. Eine Momentaufnahme, die allerdings durch das Wetter geprägt ist. Vor einem Haus stapelt sich das Baumaterial. Der Beleg dafür, dass die Einwohner Pläne haben. Für Grabko – und nicht für einen anderen Ort. Eine Frau schaut nach der Post, verschwindet dann aber schnellen Schrittes wieder hinter das schützende große Hoftor. Zum Reden ist heute kaum jemandem zumute.

«Dass es Kerkwitz treffen soll, habe ich nicht gedacht» , sagt Manuela Lucas im benachbarten Groß Gastrose. Die 33-Jährige betreibt nach eigenen Angaben gemeinsam mit ihrem Freund seit fünf Jahren die Gaststätte im Ort. «Zunächst hatten wir sie gepachtet, jetzt haben wir sie sogar gekauft» , verrät die Gastwirtin. Mit Sorge habe sie die aktuellen Nachrichten über die Tagebau-Pläne verfolgt. «Heute Abend am Stammtisch wird das sicherlich das große Gesprächsthema sein» , sagt sie. Sie hoffe, dass die Bagger vor Groß Gastrose Halt machen. Doch auch ohne Nachbarn werde es natürlich noch wesentlich schwieriger. «Schon jetzt läuft das Geschäft eher schleppend, wir haben auf den Aufschwung gehofft, und dann bekommen wir eine solche Hiobsbotschaft» , ergänzt die 33-Jährige.

Beeinflussen könne man die Entscheidung allerdings ohnehin nicht, sagt Manuela Lucas. Deshalb hoffe sie wenigstens auf den Faktor Zeit. «Noch rund 30 Jahre werden wir an unserem Kredit zu knabbern haben – vielleicht bleibt unsere Ecke ja wenigstens so lange vom Tagebaubagger verschont.»

Der Gefahr ins Auge sieht der Taubendorfer Ortswehrführer Sven Rogosky. «Ich habe schon seit vorigem Jahr vermutet, dass noch etwas kommt» , sagt der junge Mann, der in Guben gerade den grundhaften Neuausbau der Berliner Straße leitet. Die Taubendorfer hätten in den zurückliegenden zwei Jahren schon mehrere Treffen mit Vattenfall gehabt. Grund sei die immer mehr an Taubendorf heranrückende Dichtungswand. Erst sei sie von Grießen nach Lakoma gewandert, jetzt komme sie zurück. Am Friedhof in Taubendorf könne man schon die Trassenführung sehen, sagt Sven Rogosky. Und er versichert: «Wir werden genauso kämpfen wie die Hornoer. Es sind die schönsten Dörfer in der Gubener Region, die abgebaggert werden sollen.»

Gubens Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner sagt, dass er die menschliche Betroffenheit in den Dörfern verstehe, und Heimatgefühle sollten nicht missachtet werden. «Der künftige Tagebau kommt auch an die Gubener Ortsteile Schlagsdorf, Kaltenborn und Deulowitz heran.» Dass die Interessenlage der Stadt nachhaltig Berücksichtigung finde, wolle er gegenüber Vattenfall geltend machen. Den Tagebau könne man als Chance oder Risiko sehen. Er sei dafür, die Chancen zu nutzen und dem Thema Rechnung zu tragen, sagt Hübner. «Wenn nicht Vattenfall, holt ein anderer die Kohle aus der Erde.» Die Kohle sei sowohl im Spree-Neiße-Kreis als auch in Brandenburg tief verankert. Sie biete der Region die Chance, ein innovativer Energiestandort zu werden. Noch seien künftige Technologien und Verfahren vielleicht nicht vorstellbar. In Bezug auf Gewerbesteuern und Arbeitsplätze, die auch in Guben und Umgebung durch den Kohleabbau be stehen, würden wirtschaftliche Vorteile überwiegen. «Und was hat es Guben gebracht, dass es sich in den 90er-Jahren zu Horno bekannte» Die Hornoer sind nicht nach Guben gekommen» , sagt der Bürgermeister.

Von Sven Hering und Barbara Remus