Neues Initiativen/Protest

Spätestens seit Horno regt sich in der Lausitz Widerstand gegen die Braunkohlenförderung. Neues dazu hier.

Lausitzer Rundschau, 24.09.2007

Die Lausitz nach der Tagebau-Entscheidung

In Kerkwitz regt sich Widerstand


Kerkwitz.  Wird Kerkwitz (Spree-Neiße) zu einem Widerstandsnest? Der Schock über die Nachricht von der geplanten Abbaggerung (die RUNDSCHAU berichtete) weicht dort dem Willen, sich gemeinsam zu wehren. Nächste Woche beraten die Kerkwitzer in ihrer Kirche erstmals über «Möglichkeiten des Widerstands.»

Alfred Niemann steht auf der Kerkwitzer Dorfstraße und schießt Fotos. Erinnerungen an das Treffen ehemaliger NVA-Soldaten, die auf dem nahe gelegenen Flugplatz Drewitz eingesetzt waren. «Wir sehen uns jedes Jahr hier in Kerkwitz» , erzählt der gut gelaunte Mann aus Magdeburg. Man tausche Erinnerungen aus, unternehme etwas in der landschaftlich schönen Umgebung des Dorfes. Dass seine Fotos künftig an mehr erinnern könnten als nur an das aktuelle Kameraden-Treffen, an einen Ort nämlich, den es bald nicht mehr geben soll, das ist Alfred Niemann erst an diesem Samstagmorgen klar geworden. «Ja, unsere Wirtin, die Frau Wehland, hat uns erzählt, was passieren soll. Schlimm.» Dem Rentner tun die älteren Kerkwitzer leid. «Viele von ihnen sind doch schon mal vertrieben worden.»

Bei schönstem Sonnenschein an diesem Samstag bewirtet Gisela Wehland Gäste in ihrem Biergarten «Zum Dorfkrug» . Das herrliche Wetter kann das Gemüt der 70-Jährigen nicht aufhellen. «Das tut weh. Ich will am liebsten gar nicht darüber sprechen» , sagt sie. Die Kerkwitzerin hat die Bäume im Biergarten selbst mit gepflanzt. Sie zeigt dann auf eine 300 Jahre alte Eiche. Ungefähr so lange sei der Gasthof auch schon in Familienbesitz. Kerkwitz sei immer ein Arbeiterdorf gewesen. In Guben, in der Wolle oder im Chemiefaserwerk haben viele Kerkwitzer gearbeitet.


Das Altersheim als Perspektive

In zehn Jahren, wenn die Umsiedlung wahrscheinlich anläuft, ist Gisela Wehland 80. Für sich und ihren Mann Günter sieht sie dann nur noch eine Perspektive: das Altersheim. Sich zur Wehr setzen« «Dafür bin ich zu alt» , ist sie überzeugt. Aber die Jungen sollten das tun. «Es wäre charakterlos, das klaglos hinzunehmen.»

Auf die Jungen scheint Wirtin Gisela Wehland zählen zu können. «Wir halten zu Kerkwitz» , erklärt René Hammel vom Jugendklub. Der 24-Jährige arbeitet in Guben. Gerade baut er das Haus seiner Eltern mit aus, in dem er wohnt. «Ich packe hier jedenfalls nicht so einfach die Geige ein» , stellt er trotzig klar. Steffen Hube, 41-jähriger Unternehmer mit Firmensitz in Guben, fragt gar: «Warum sollen wir nicht das erste Dorf der Lausitz sein, das eine Abbaggerung verhindert»» Hube hat sich seine private Existenz in Kerkwitz aufgebaut.

Genauso wie Steffen Krautz. Vor drei Jahren wurde der Gubener mit seiner Frau in dem Dorf heimisch und baute sich ein Haus. Vier Jahre hatte die heute vierköpfige Familie nach einem Grundstück gesucht. In Kerkwitz passte alles. «Das Dorf hat eine intakte soziale Infrastruktur» , sagt Krautz. Es gebe den «Dorfkrug» , den Bäcker, viele Vereine, die etwas unternehmen, eine gute Anbindung mit Bus und Bahn. Der Wahl-Kerkwitzer nimmt am Dorfleben teil und betreut den Internet-Auftritt von Kerkwitz. Für den 34-Jährigen steht fest, dass keine noch so hohe Abfindung den drohenden Verlust ersetzen kann. Deshalb müsse sich das Dorf den Vattenfall-Plänen widersetzen. «Das muss aber gebündelt passieren. Wir sollten uns auf nur eine Initiative verständigen.»

Ein Kerkwitzer mit Erfahrung beim Organisieren von Widerstand ist Lothar Häckert, ehemaliger Chef der Beschäftigungs- und Sanierungsgesellschaft in Guben. Vor zwei Jahren übernahm er den Vorsitz einer Bürgerinitiative gegen den geplanten Bau eines Frachtflughafens im nahe gelegenen Drewitz. Schwere Frachtflieger drohten über Kerkwitz laut lärmend die Landebahn anzufliegen. Mit Informationsblättern und Veranstaltungen bauten Häckert und seine Mitstreiter eine Front gegen das Vorhaben auf. Am Ende scheiterte es tatsächlich (die RUNDSCHAU berichtete).


Wir müssen geschlossen auftreten

Ironie des Schicksals ist jetzt, dass Häckert dieser Erfolg nicht mehr viel zu nützen scheint. «Ich bin Realist» , erklärt er. Einen so finanzkräftigen Konzern wie Vattenfall, von der Landesregierung unterstützt, werde man kaum von seinem Vorhaben abbringen können. Ihm etwas entgegenzusetzen, sei dennoch wichtig, um für Kerkwitz einen guten Ausgleich zu erzielen. Seine Bürgerinitiative werde sich – mit neuem Ziel – gern einreihen in die Front der Widerständler. Was Häckert dabei wichtig ist: «Wir dürfen uns nicht hinter der Grünen Liga verstecken. Wir müssen geschlossen auftreten, so wie Horno.»

Den Anfang könnten die Kerkwitzer schon am nächsten Montag machen. Am Dorfgemeinschaftshaus, 200 Meter vom «Dorfkrug» entfernt, hängt ein Aushang. Für Montag, den 1. Oktober, laden Heimat- und Feuerwehrverein, Ortsbeirat und Kirchengemeinde in die Kirche ein. Das Thema ist klar. «Bedrohung durch die Braunkohle» steht als Überschrift auf dem Zettel. Mit Vertretern der Grünen Liga sollen «Möglichkeiten des Widerstands» beraten werden.

In der kleinen Gustav-Adolf-Kirche, wo dann hitzig debattiert werden dürfte, herrscht Samstag noch idyllische Ruhe. Die Türen sind geöffnet, spätsommerliche Luft strömt herein. Irmgard Hanschke von der evangelischen Kirchengemeinde gestaltet den Altar für den Erntedank-Gottesdienst. Das lenke sie wohltuend ab.

Für die 74-Jährige rührt die drohende Abbaggerung an ein Trauma. Mit zwölf Jahren, erzählt sie, sei sie mit ihrer Familie aus Markersdorf (Markosice) vertrieben worden. Der Ort liegt nur wenige Kilometer von Kerkwitz entfernt jenseits der Neiße. «Es ging damals alles sehr schnell» , erinnert sie sich. Und sie sei nicht sicher, ob eine angekündigte, über Jahre sich hinziehende Umsiedlung so viel besser ist. «Wohin sollen denn die Kerkwitzer?» , fragt sie sich und zupft an den Getreidehalmen in der Vase. Beim Schlagwort Widerstand hellen sich Irmgard Hanschkes Augen auf. Horno fällt ihr ein, der Hornoer Bürgermeister Bernd Siegert, der so hartnäckig für seine Gemeinde gekämpft hat. «Wir kennen die Hor noer gut. Mit ihnen können wir uns beraten.»


Nicht nur das Dorf verschwindet

Auf dem Parkplatz in der Dorfstraße hält ein Auto mit SPN-Kennzeichen. Ein Rentnerehepaar aus Guben steigt aus und macht sich zu Fuß auf den Weg ins acht Kilometer entfernte Taubendorf. Beide würden das öfter machen. Weil die Landschaft so schön ist. «Es ist ja nicht nur das Dorf, das dann weg ist» , schimpft die Frau auf die Vattenfall-Pläne. Auch der Deulowitzer See wäre verschwunden, wahrscheinlich auch der Pinnower See. Irgendwann werde der Tagebau noch Guben schlucken.

Ihr Mann findet den Widerstandswillen der Kerkwitzer lobenswert, hält das aber für nicht viel mehr als nur ein «Dampf ablassen» . Der Energiekonzern werde sich nicht aufhalten lassen. «Geld regiert eben.»

 


 

Zum Thema: Solidarität mit Atterwasch, Kerkwitz, Grabko

Die Gemeinde Kerkwitz im Landkreis Spree-Neiße hat 500 Einwohner . Feuerwehrleute, Kleintierzüchter und Jugendliche sind in Vereinen organisiert. Im Internet-Auftritt der Gemeinde (www.kerkwitz.de.) sind zudem elf Gewerbetreibende genannt. Reitertag, Erntedankfest, Kirmes, Osterfest und Pfingstbaumstellen gehören zu den alljährlichen Veranstaltungen im Dorf.

Mit Bäumen aus dem Lakomaer Teichgebiet will das Umweltnetzwerk Grüne Liga ein Zeichen gegen weitere Braunkohletagebaue in Brandenburg setzen. Vertreter des Landesverbandes verschenkten am Wochenende in neun Dörfern in der Lausitz kleine Stieleichen aus Lakoma . Der Energiekonzern Vattenfall Europe will das Schutzgebiet Lakomaer Teiche dem Braunkohletagebau Cottbus-Nord einverleiben und abbaggern. Die Bäume sollen zu Symbolen des Widerstands gegen die Abbaggerung heranwachsen, erklärten die Initiatoren. Pfarrer Mathias Bernd sprach von einem „ Zeichen der Solidarität mit Atterwasch, Kerkwitz und Grabko“. Alle drei Orte sollen laut jüngsten Plänen abgebaggert werden.

 


Daniel Preikschat