Neues Technik/Rekultivierung

Die Folgen des Bergbaus müssen beseitigt und wollen beherrscht werden.
Was passiert in der "Bergbaufolgelandschaft" ?

Lausitzer Rundschau, 08.04.08

 

EnviaM-Netzbetreiber muss Anlagen häufiger drosseln und stärker in Ausbau investieren

Wind in der Lausitz bläst kräftiger

Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien nimmt deutlich zu in der Lausitz. Das belegen Daten von enviaM, nach eigenen Angaben der führende regionale Energiedienstleister in den neuen Ländern. Die Netzbetriebstochter envia Netz ist per Gesetz verpflichtet, Strom aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasserkraft in das von ihr bewirtschaftete Stromnetz einzuspeisen und zu vergüten. Dafür sind angesichts der rasanten Entwicklung mehr Investitionen erforderlich als bislang geplant.

«Es wird kritischer. Wir müssen die Netze verstärken und gegebenenfalls sogar mehr investieren als bisher veranschlagt» , sagt Dr. Wolfgang Gallas, technischer Geschäftsführer der envia Verteilnetz GmbH (envia Netz), Halle. Das Unternehmen verteilt über ein Netz von rund 77 553 Kilometern Freiland- und Kabelleitungen Strom an Kunden in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der Strom stammt nicht mehr nur aus konventionellen Kraftwerken großer Konzerne, sondern aus einer steigenden Zahl regenerativer Quellen. «Brandenburg ist nach Niedersachsen das Bundesland mit der höchsten installierten Windleistung, gefolgt von Sachsen-Anhalt. Das stellt uns vor Herausforderungen beim Betrieb der Stromnetze» , sagt Gallas.

Von den bundesweit installierten etwa 18 000 Megawatt (MW) Windleistung entfallen 2613,8 MW auf das Netzgebiet von enviaM. «Weitere 236 Megawatt befinden sich in der Realisierung, 336 MW sind angefragt» , berichtet Gallas. Dementsprechend müsse investiert werden.

60 bis 70 Millionen Euro sollen nach bisherigen Planungen bis 2012 in den Ausbau des Stromnetzes fließen. Gut die Hälfte davon wird auf die Lausitz entfallen, wie der Netz-Chef sagt. Hier wird zurzeit die Leitung zwischen Schwarzheide und Lauchhammer-West (Oberspreewald-Lausitz) ertüchtigt. Der Neubau der Stromleitung Uckro – Lübbenau auf einer vorhandenen Trasse befindet sich in der Planung. Gallas spricht von einem Dilemma: Während der Windkraft-Ausbau zügig voranschreitet, hinkt der Stromnetzausbau hinterher. Der Netzausbau könne «je nach Schwierigkeiten bei der Genehmigung» durchaus acht bis zehn Jahre dauern.


Sensibles Versorgungssystem

In der Zwischenzeit müsse sowohl die Einspeisung erneuerbarer Energien gesichert werden als auch ein zuverlässiger Netzbetrieb. «Haben wir mehr Stromangebot im Netz als abgenommen werden kann, droht ein Zusammenbruch der Stromversorgung» , macht Gallas klar. Bislang habe das vermieden werden können. Dafür sorge die gesetzliche Möglichkeit zum Drosseln von Kraftwerken und Windanlagen in kritischen Situationen. Das Netzsicherheitsmanagement des Unternehmens ermögliche die Abschaltung sowohl konventioneller Kraftwerke als auch einzelner Windräder per Funk.

«Das ist ein ganz fein abzustimmendes Zusammenspiel» , gibt Gallas zu bedenken, «denn ein Industriekraftwerk wie das in Schwarzheide muss neben Strom auch zuverlässig Prozesswärme liefern, ansonsten wird die Produktion im Chemiepark gestört.» Solch sensible Anlagen könnten maximal um fünf Megawatt gedrosselt werden. 30 MW aber mussten beispielsweise an manchem Tag im Januar vom Netz genommen werden. «Im Januar hatten wir an 28 Tagen hohe Windleistungen mit 1800 bis 2000 MW im Netz und mussten überschüssige Energie sogar zurückspeisen ins Vattenfall-Übertragungsnetz. In Folge dessen musste Vattenfall dann auch in den Braunkohlekraftwerken die Leistung drosseln» , schildert Gallas.

In der Woche vom 22. bis 27. Februar wiederum sei im Lausitzer Netzgebiet fünfmal das Netzsicherheitsmanagement zum Einsatz gekommen. «Vornehmlich im Raum Jessen-Herzberg-Falkenberg und Lübbenau wurde eine Reihe von Anlagen abgeschaltet, darunter auch Windräder.» Für die Dauer von fünf Stunden seien 42,4 Megawatt reduziert worden. «Das entspricht dem Stromverbrauch von etwa 50 Haushalten» , rechnet Gallas vor und sagt: «Wir kommen um den Ausbau der Netze und die Entwicklung geeigneter Speichermedien nicht herum.»

Beim Netzausbau rechnet Gallas mit höheren Aufwendungen als bisher geplant. Denn allein im Jahr 2007 stammten 43 Prozent der im enviaM-Netz abgesetzten Gesamt-Strommenge von 3397 Gigawattstunden aus erneuerbaren Quellen. «2006 waren es noch 24 Prozent, bei gleichbleibendem Stromabsatz» , berichtet Gallas und betont: «Wenn der Trend anhält und wir bis 2020 pro Jahr einen Zuwachs von 350 MW installierter elektrischer Leistung aus Wind und Sonne bekommen, dann müssen wir in Brandenburg und in Sachsen-Anhalt jeweils ein neues Umspannwerk zur Einspeisung des grünen Stroms ins Vattenfall-Übertragungsnetz bauen.» Damit kämen weitere 50 Millionen Euro Investitionen auf den Netzbetreiber zu.


BTU-Netzstudie vor dem Abschluss

«Es muss uns gelingen, erneuerbare Energien zu hundert Prozent zu nutzen und das Zusammenspiel mit der konventionellen Energieerzeugung zu regeln» , argumentiert Gallas. Von der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus wird dazu im Auftrag des Bran denburger Wirtschaftsministeriums eine Studie erarbeitet, an der envia Netz sowie Vertreter aus der konventionellen und der erneuerbaren Energiebranche beteiligt sind. Die Studie steht unmittelbar vor dem Abschluss. «Wichtige Ergebnisse zum notwendigen Netzausbau bei envia Netz liegen vor» , sagt Gallas.

Nach Auskunft des Ministeriums sollen die Ergebnisse und Schlussfolgerungen daraus im Juni der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Hintergrund Anteil der Erneuerbaren steigt
Im Netzgebiet von enviaM sind 2957,6 Megawatt (MW) elektrische Leistung aus erneuerbaren Energiequellen installiert (2001: 1004,3 MW). Darunter sind 2614 MW Wind, 75,5 MW Wasser, 153,4 MW Biomasse, 15,9 MW Deponie- und Klärgas sowie 97,5 MW Solarstrom.
Im Jahr 2007 wurden ins Brandenburger enviaM-Netz 1461 Gigawatt-stunden (GWh) Strom aus erneuerbaren Quellen (2006: 822 GWh) eingespeist. Davon entfielen 1286 GWh auf Windstrom (700 GWh), 16 GWh auf Wasserkraft (zehn GWh), 151 GWh Strom auf Biomasse (109 GWh) und sieben GWh auf Solarstrom (drei GWh).
Die Einspeisevergütung summierte sich im Jahr 2007 auf 566,7 Millionen Euro. Im Jahr 2001 waren es noch 132,8 Millionen Euro. Die Vergütung wird nach einem gesetzlich vorgegebenen Schlüssel (rund 0,7 Cent pro Kilowattstunde) auf alle Stromkunden im Netzgebiet umgelegt.

Von Beate Möschl