Neues von Vattenfall

Lausitzer Rundschau, 10.04.2008

Gesprächsrunde über Bergbau in der Region ging sehr vorsichtig mit strittigen Fragen um

Viel Harmonie statt offenem Konflikt

Region  Vattenfall Europe sucht stärker die Öffentlichkeit in der Region. Der Energiekonzern will auch mit Kritikern über die Zukunft der Braunkohleförderung und -verstromung diskutieren. Der erste Abend in einer dazu aufgelegten Gesprächsreihe verlief erstaunlich harmonisch. Nur gelegentlich blitzten die Konfliktlinien auf.

Es ist draußen noch hell, als sich die Teilnehmer der Diskussion über die künftige Rolle der Braunkohle in der Lausitz in schwarzen Sesseln vor einer Stellwand mit dem Schriftzug «Vattenfall-Talk» niederlassen. Mildes Abendlicht fällt durch die Glaswand der Cottbuser Universitätsbibliothek auf die Runde, die an diesem Abend kaum zu einer offen kontroversen Debatte findet. Dass es hinter der Sanftmut jedoch brodelt, zeigt der Landesgeschäftsführer des Umweltschutzverbandes BUND in Brandenburg, Axel Kruschat, zwei Stunden später in seinem Schlusswort: «Wir sind noch nicht so weit, dass wir in eine konstruktive Diskussion eintreten können, das hat dieser Abend gezeigt.»

Mit Kruschat im Podium sitzen Leute mit sehr unterschiedlichen Standpunkten und Interessen: Vattenfall-Vorstand Hartmuth Zeiß, der Leiter des regionalen Kirchenverwaltungsamtes, Reinhard Richter, der Geschäftsführer des Rotorblätter-Herstellers Vestas in Lauchhammer, Frank Weise, und BTU-Präsident Professor Walther Ch. Zimmerli. Moderiert wird die Runde vom Berliner Journalisten Johann Legner.

Zimmerli schaltet sich nach einer Weile in das vorsichtige Abtasten der anderen Gesprächsteilnehmer mit einer provokanten Feststellung ein: «Wir tun so, als wüssten wir alles.» Dabei sei vieles noch nicht ausreichend erforscht und untersucht. Als Beispiele zählt er nicht nur technische Fragen in Zusammenhang mit der geplanten Kohlendioxid(CO 2 )-Abscheidung und unterirdischen Lagerung auf. «Wir haben keine Ahnung, was eher akzeptiert wird, der Verlust des Heimatortes oder der Verlust des Arbeitsplatzes.» Später bekommt Zimmerli spontanen Beifall für seine Feststellung, dass in der Region mehr Umsiedlung durch fehlende Jobs als durch den Bergbau verursacht werde.

Arbeitsplätze, Umsiedlung und Akzeptanz des Bergbaus angesichts neuer Tagebaupläne über das Jahr 2020 hinaus sind dann auch Dreh- und Angelpunkte vieler Äußerungen vor mehr als einhundert Zuhörern. Die Argumente sind dabei nicht neu. Für Windmühlen-Hersteller Frank Weise ist Windenergie ein wesentlicher Beitrag zur Lösung der Energie- und Klimaprobleme und ein Konkurrent zum Braunkohlestrom. Akzeptanzprobleme bei Windrädern sieht er nicht.

Daran kann auch Spree-Neiße-Landrat Dieter Friese (SPD) nichts ändern, den es während der Diskussion manchmal fast vom Stuhl hoch treibt. Friese hält dem Vestas-Chef später vor, dass im Regionalplan Wind, der gerade erarbeitet wird, voraussichtlich nur Platz für zehn neue Windanlagen in der Niederlausitz ist. Unter Einhaltung aller Gesetze seien nicht mehr Standorte frei.

Für Weise kein Problem: «Gesetze können sich ja ändern, die Frage ist, ob Brandenburg dann noch dabei ist.» Betont vorsichtig gehen BUND-Vertreter Axel Kruschat und Vattenfall-Vorstand Zeiß an diesem Abend miteinander um. «Vom Ansatz her sind wir gar nicht so weit auseinander, wir ziehen aber unterschiedliche Schlüsse» , zeigt sich Zeiß betont versöhnlich gegenüber dem Naturschutzaktivisten, der zu den Organisatoren der Volksinitiative gegen neue Tagebaue in der Lausitz gehört. Kruschat versichert seinerseits, der Klimaschutz sei nicht das alleinige Entscheidungskriterium für die Zukunft der Braunkohle in der Lausitz.

Trotz aller Freundlichkeit liegen Vattenfall und BUND in der Sache weit auseinander. Denn für Kruschat steht fest: Keine neuen Tagebaue in der Lausitz, komme was da wolle. Und er fordert, den Diskussionsprozess über neue Kohlegruben und damit verbundene Umsiedlungen «zu öffnen» . «Es ist wichtig, ob die betroffenen Leute überhaupt gefragt werden» , so Kruschat. Denn auch wenn sie nein sagten, werde trotzdem gebaggert.

Ob er sich denn überhaupt vorstellen könne, dass ein Ort geschlossen und freiwillig in eine Umsiedlung einwilligt, wird Kruschat leider nicht gefragt. Vattenfall will nach dem Ende der derzeitig betriebenen Gruben Kohle aus den Lagerstätten Jänschwalde-Nord, Bagenz-Ost und Spremberg-Ost fördern. Von Abbaggerung und Umsiedlung betroffen wären dabei rund 900 Einwohner ausschließlich im Landkreis Spree-Neiße.

Vattenfall-Vorstand Hartmuth Zeiß betont, dass es kein geschlossenes, sondern ein völlig offenes Verfahren sei, ob die geplanten neuen Tagebaue genehmigt würden. Gerade das beunruhige die Vattenfall-Mitarbeiter. Auch der Cottbuser Beigeordnete Lothar Nicht (Linke) hält Kruschat später vor, mit der Unterschriftensammlung gegen neue Tagebaue die Diskussion abzubrechen.

Zeiß betont, die Braunkohle könne mittelfristig nur einen Teil zur Energieerzeugung beitragen, doch wenn es keine neuen Tagebaue gebe, dann sei etwa 2020 mit der Braunkohleförderung in der Region Schluss.

Doch noch setzt Vattenfall darauf, das wird an diesem Abend deutlich, dass es auch danach mit dem Braunkohlestrom weitergeht, wenngleich mit weitgehender Abscheidung und unterirdischer Lagerung des dabei entstehenden CO 2 . Im September, so kündigt Zeiß an, werde die komplette 30-Megawatt-Pilotanlage in Schwarze Pumpe den vollen Betrieb aufnehmen. 2015 werde an einem 500 Megawatt-Block in Jänschwalde die CO 2 -Abscheidung getestet. Die Klimadiskussion käme dem Kraftwerk Jänschwalde sogar zugute, so Zeiß. «Der Bau neuer Steinkohlekraftwerke wird zurzeit verzögert, dadurch wächst die Sicherheit für Jänschwalde.»

Als keine Frage von Gut und Böse, sondern schwierige Abwägung, sieht die evangelische Kirche in der Niederlausitz die Debatte. Dieser Prozess brauche Moderation, sagt Kirchenvertreter Reinhard Richter: «Der soziale Frieden ist schon erheblich gestört, mehr als hier dargestellt.» Dass alle noch miteinander reden, sieht er jedoch als positives Zeichen. Der zweite Vattenfall-Talk wird bereits vorbereitet.

von Simone Wendler

 

Kommentar von www.umsiedler-schleife.de:

Typisch oberflächlicher Rundschau-Artikel. Die Reporterin unterschlägt mal eben alle von Umsiedlung bedrohten Einwohner im Vorfeld der Tagebaue Welzow (SPN, ca. 1200) und Nochten (NOL, Sachsen, ca. 1500). Macht zusammen schon mal 3700 Betroffene in der Lausitz.

"...Ob er sich denn überhaupt vorstellen könne, dass ein Ort geschlossen und freiwillig in eine Umsiedlung einwilligt, wird Kruschat leider nicht gefragt...."

Dieser Satz ist an Zynismus kaum zu übertreffen. Fast jedes Dorf, das in seine frühzeitige Umsiedlung einwilligte, begründete dies mit den Auswirkungen des herannahenden Tagebaus (z.B. Mühlrose). Ob diese Entscheidung damit noch "freiwillig" ist?

 (jkr)