Lausitzer Rundschau, 10.07.2008 

Von Umsiedlung Bedrohte beim Vattenfall-Talk

Lausitzer Ängste vor dem Heimatverlust durch die Braunkohle

Stadtplaner Thomas Jansen ist schon oft in seinem Leben umgezogen. Mit seinen Kindern kann man an diese Orte später zurückkehren und zeigen, hier war das, und da habe ich das erlebt. Bei der Bergbau-Umsiedlung sei das grundsätzlich anders, sagt er am Dienstagabend im Cottbuser Dieselkraftwerk. Das sei «der endgültige Verlust von Heimat» .

Den meisten der mehr als 150 Zuhörer beim zweiten Vattenfall-Talk sprach der Fachmann für Umsiedlungsplanung damit aus dem Herzen. Dazu gehörten Einwohner der Gemeinde Schenkendöbern (Spree-Neiße). Rund 900 von ihnen droht in etwa 17 Jahren die Umsiedlung für einen neuen Tagebau. Nach Cottbus gekommen waren auch Lausitzer aus Orten am Rande des sächsischen Tagebaus Nochten (Niederschlesische Oberlausitz), denen dieses Schicksal schon früher bevorsteht.

Für viele Menschen in der Region ist die Umsiedlung in der aktuellen Diskussion um die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland das Thema, welches sie am stärksten berührt. Das ist offenbar auch dem Energiekonzern Vattenfall klar, der in der Lausitz Tagebaue und Kraftwerke betreibt und das mit Kohlendioxid-Abscheidung (CCS-Technik) auch nach 2020 noch machen möchte. «Umsiedlung, ein unzumutbarer Lebenseinschnitt oder ein sozialverträglicher Neuanfang» war deshalb das Thema der zweiten öffentlichen Diskussionsrunde, zu der Vattenfall nach Cottbus eingeladen hatte.


Kompromiss oder Widerstand

Dabei ging es trotz der persönlichen Betroffenheit vieler Anwesender sehr ruhig zu. Neben dem Umsiedlungsplaner Jansen saßen in der Gesprächsrunde Generalsuperintendentin Heilgard Asmus, der Leiter Bergbauplanung bei Vattenfall, Detlev Dähnert, sowie zwei betroffene ehrenamtliche Ortsbürgermeister: Peter Mäkelburg (parteilos) aus Trebendorf, das nur zum Teil dem Tagebau Nochten weichen muss, und sein Kollege Roland Lehmann (parteilos) aus Kerkwitz in der Gemeinde Schenkendöbern, das völlig im neuen Tagebau Jänschwalde-Nord verschwinden soll.

Während Mäkelburg von einem erfolgreichen Streit mit Vattenfall über Kompromisse berichtete, vertrat Lehmann eine ganz andere Position. «Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen» , antwortete er auf die Frage von Moderator Johann Legner, unter welchen Bedingungen er den Umgang mit der «Zumutung Umsiedlung» als fair empfinden würde. Den geplanten Aufschluss neuer Tagebaue ab 2020 bezeichnete er als «vollkommen absurd» . Dass die Kohlendioxidabscheidung funktionieren wird, bezweifelt er vollkommen.


Lange Ungewissheit

«Ich werde alles tun, um eine Umsiedlung zu verhindern» , erklärte er unter dem Beifall der anwesenden Einwohner seines Ortes. Schließlich sei Mitte der 90er-Jahre versprochen worden, dass Horno das letzte Dorf sei, das geopfert werden muss und dass an der Taubendorfer Rinne, also vor Schenkendöbern Schluss sei mit dem Bergbau. Darauf hätten sich die Menschen verlassen. Viele neue Häuser seien seitdem im Ort gebaut worden, so Lehmann.

Wie ein roter Faden zog sich gerade in Bezug auf Schenkendöbern die Ungewissheit durch die Debatte. Viele Jahre wird ein Planverfahren für einen neuen Tagebau dauern, das noch nicht mal beantragt ist. Dazu kommen die politische Bedingung der funktionierenden CCS-Technik für eine längerfristige Braunkohleverstromung in Brandenburg und erstmals die Möglichkeit eines Volksentscheides. Heute wird der Brandenburger Landtag über die Volksinitiative «Keine neuen Tagebaue» einen Beschluss fassen. Bei Ablehnung eines baldigen Kohleausstieges wollen die Initiatoren einen solchen Entscheid auf den Weg bringen.

Detlev Dähnert, Umsiedlungsfachmann bei Vattenfall, zeigte ganz offen Verständnis dafür, dass Bürgermeister in erster Linie um den Erhalt ihrer Orte kämpfen. Wenn aber am Ende eines Planverfahrens die Grenzen eines Tagebaus feststünden, dann werde miteinander über Details des «erzwungenen Heimatverlust» geredet werden müssen. Bis zu einer Entscheidung könne Vattenfall die betroffenen Orte nur in ihrer Lebensfähigkeit unterstützen. Die Hand dazu sei ausgestreckt.

Umsiedlungsplaner Thomas Jansen ermunterte indes die Schenkendöberner noch zum Widerstand: «Jetzt ist die Phase, in der sie sich wehren müssen, um später stark zu sein in Verhandlungen, wenn es doch zur Umsiedlung kommt.»

von simone wendler

 Anmerkung von www.umsiedler-schleife.de:

Umsiedlerprotest am Rande

Mitglieder unserer Initiative protestierten während und nach der Veranstaltung gegen den Beginn der Verhandlungen über private Entschädigungen (Grundlagenvertrag Teil I). Die Umsiedler kritisieren weiterhin die Beteiligung der Gemeinde Schleife an diesem Teil der Verhandlungen sowie die Weigerung von Vattenfall und der Gemeinde Schleife, den  Berater der Bürgerinitiative an den Verhandlungen teilnehmen zu lassen. Während der Diskussion stellten die Umsiedler die Sozialverträglichkeit einer Umsiedlung generell in Frage. Außerdem kritisierten die Umsiedler  den Umgang von VEM mit den Betroffenen.

 

 Protest