Lausitzer Rundschau, 11.12.2008

Seit 50 Jahren folgt Kohle den Belkas auf Schritt und Tritt

 

Die seit zwölf Monaten in Weskow lebende Familie Belka hat zweimal innerhalb von nur 35 Jahren ihre Wirtschaft an die Kohle verloren. Zunächst musste ihr Gehöft in Gosda dem Tagebau Welzow-Süd weichen, später auch Haus und Hof in der neuen Heimat Haidemühl. Im Dezember 2007 zogen die Belkas schließlich mitsamt ihrer Landwirtschaft nach Weskow. Doch wenn tatsächlich einmal der Tagebau Spremberg-Ost/Bagenz aufgeschlossen werden sollte, könnte die Grubenkante erneut keine 500 Meter von ihrem Grundstück entfernt verlaufen.

"Einem möglichen neuen Tagebau östlich von Spremberg sehe ich ganz gelassen entgegen. Er wäre zwar auch keinen halben Kilometer von unserem neuen Gehöft entfernt, aber ehe es soweit ist, vergehen wohl noch viele Jahre. Ich habe jedenfalls keine Angst davor", erklärt Gerhard Belka. Der Kohle stehe der 72-Jährige keinesfalls feindlich gegenüber, schließlich habe er, ebenso wie Tausende andere auch, über Jahrzehnte im Bergbau sein Auskommen gefunden. 

Die seit zwölf Monaten in Weskow lebende Familie Belka hat zweimal innerhalb von nur 35 Jahren ihre Wirtschaft an die Kohle verloren.

Erst seit einem Jahr lebt Gerhard Belka mit seiner Frau auf der neuen Wirtschaft in Weskow. Stolz zeigt der Senior sein Anwesen: das neue Wohnhaus, die Scheune, der Kuhstall und viel Land.

Ohne Kohle noch heute in Gosda

Es handelt sich mittlerweile um den dritten Wohnsitz der Belkas. "Wenn die Grube nicht gekommen wäre, würden wir wohl heute noch im alten Gosda leben", glaubt der Landwirt. Denn dort besaß die Familie über Generationen Haus und Hof, Wald, Grünland und Acker. "Unsere Wirtschaft gehörte zu den so genannten Alten Buden, einer Streusiedlung westlich des eigentlichen Dorfes", erinnert sich Gerhard Belka.

Acht Milchkühe, sechs Jungrinder, ein Pferd, die Schweinezucht des Vaters und 15 Morgen Land hätten die Familie ernährt. Im Zuge der Bodenreform seien weitere Flächen aus dem Besitz des früheren Gosdaer Gutsbesitzers Bruno von Seydel dazugekommen. Schon von kleinauf musste Gerhard Belka eigenen Angaben zufolge in der elterlichen Landwirtschaft mithelfen.

"Wir haben gut in Gosda gewohnt. Ganz in unserer Nähe befand sich der Friedhof auf einem Hügel. Von dort konnte man sogar die Bautzener Berge in der Oberlausitz sehen", schwärmt der 72-Jährige.

Es handelt sich mittlerweile um den dritten Wohnsitz der Belkas. "Wenn die Grube nicht gekommen wäre, würden wir wohl heute noch im alten Gosda leben."

Im Jahr 1961 hatte die Familie erfahren, dass ihre Siedlung wie auch das komplette Dorf dem Tagebau Welzow-Süd zum Opfer fallen würde. Gerhard Belka erinnert sich noch gut an die Worte seines Vaters: "Er sagte immer wieder, ,ich gehe hier nicht fort‘." Dennoch wurde die Bauernwirtschaft an das Kombinat in Schwarze Pumpe verkauft. "Vater hat nie gesagt, was er für das Anwesen bekommen hat. Aber es war weit unter Wert", weiß Gerhard Belka aus alten Unterlagen.

Da er selbst seit 1960 sein Geld in der Grube als Raupenfahrer verdiente und noch jung an Jahren war, fiel ihm die Umsiedlung ungleich leichter. Im gleichen Jahr heiratete er seine Frau Bärbel. Ihr Elternhaus in den Sedlitzer Ausbauten fiel 1962 ebenfalls der Kohle zum Opfer, und zwar dem Tagebau Sedlitz bei Senftenberg. Auch Bärbel Belka begann später im Tagebau Welzow-Süd zu arbeiten.

Im Sommer des selben Jahres zog die Familie schließlich nach Haidemühl. Dort wurde erneut ein Einfamilienhaus bezogen. Später ist es durch einen Anbau erweitert worden. Darüber hinaus erhielten die Belkas ein Grundstück für ihre Gerätschaften. Gemeinsam mit Bruder Günter führte Gerhard Belka die Landwirtschaft der Eltern in seinem "Zweitberuf" fort.

In Haidemühl schätzten die Belkas vor allem den Zusammenhalt unter den Einwohnern. "Klar, die Leute kamen von überall in die Glashütte und in die Brikettfabrik. Manchmal flogen auch die Fäuste. Aber schön war es in unserem Ort", erinnert sich Gerhard Belka. Immerhin hat er 21 Jahre lang als Gemeindevertreter die Haidemühler Geschicke mitbestimmt.

Kurz nach der politischen Wende wurde auch das Schicksal der Industriegemeinde besiegelt. Gerhard Belka hat diese Zeit noch gut im Gedächtnis: "Als auf der ersten Versammlung bekannt wurde, dass Haidemühl auch vom Tagebau in Anspruch genommen werden soll, habe ich mit meiner Frau den Entschluss gefasst, nichts, aber auch gar nichts mehr an unserem Haus machen zu wollen. Wir wollten partout nicht von Haidemühl weg." Er habe sogar einen Tieflader organisiert, auf dem sich bei einer Demonstration das Podest der Umsiedlungsgegner befand.

Tiere sollten außen vor bleiben

Dennoch mussten sich auch die Belkas der Kohle beugen. In Haidemühl sei ihnen zwar ein Wohnhaus angeboten worden. "Die Landwirtschaft sollte aber nach dem Willen der Haidemühler weit außerhalb des neuen Ortes aufgebaut werden. Das wollten wir nicht", erzählt Gerhard Belka. So seien sie im benachbarten Weskow fündig geworden. Dort wurde das alte baufällige Haus und die Stallung abgerissen und gänzlich neu gebaut.

"Außerdem haben selbst kleinere Kinder voller Freude die Scheiben leergezogener Häuser eingeschlagen und frech gesagt, 'das wird doch sowieso abgerissen'"

Erst zu Weihnachten 2007 ist die Familie nach Weskow gezogen. "Wir waren die letzten Bewohner von Alt-Haidemühl. Unser Viehzeug konnte doch nicht dort allein zurückbleiben", nennt Belka den Grund. Unheimliche Gestalten hätten sich im alten Dorf besonders nachts herumgetrieben. Eines Morgens hätte die Familie keinen Strom mehr gehabt, weil Unbekannte das Trafohäuschen verwüstet hatten.

"Außerdem haben selbst kleinere Kinder voller Freude die Scheiben leergezogener Häuser eingeschlagen und frech gesagt, das wird doch sowieso abgerissen‘", berichtet Gerhard Belka aus der damaligen Zeit.

Inzwischen leben auch Belkas Kühe auf dem neuen Gehöft in Weskow, ebenso wie Enten und Gänse. "Wissen Sie", so resümiert der Hofherr, "ich habe zwar mit Gosda und Haidemühl jetzt abgeschlossen. Man kann diese Last ja nicht ewig mit sich herumtragen. Aber die paar Jahre, die meiner Frau und mir noch bleiben, hätten wir gern in Alt-Haidemühl verlebt."