Berliner Zeitung, 20.10.2007, Blickpunkt - Seite 03

Kohle gegen Kohle

Ein Dorf in der Lausitz musste dem Tagebau weichen. Den Umsiedlern fehlt es an nichts - nur eine Heimat haben sie am neuen Ort nicht gefunden

Martin Klesmann

 

HAIDEMÜHL. Bei aller Dramatik hatte die Umsiedlung des Dorfes für manche in Haidemühl auch gewisse Vorteile. Sie konnten auf elegante Art ihre Nachbarn los werden. Die Umzugsbeauftragten des Energiekonzerns Vattenfall hatten die Bewohner gefragt, ob sie weiter mit ihren bisherigen Nachbarn Tür an Tür leben wollten - oder ob sie sich neue wünschten. Viele wollten neue Nachbarn. 

Seit einem Jahr wohnen sie nun im neuen Haidemühl, im äußersten Süden von Brandenburg gelegen. Reihenhäuser in Hanglage, alle mit der gleichen grellweißen Fassade, prägen den neu errichteten Ort. Dahinter stehen gut achtzig Einfamilienhäuser mit sich anschließenden Garagenkomplexen, einige Bauten tragen ein Türmchen. Kaum ein Baum fängt den strengen Wind ab, der durch die kahlen Straßen zieht. In einer Grünanlage gibt es einen so genannten Familienhain - für jedes neu geborene Kind pflanzt Vattenfall einen Obstbaum.

"Wir sind hierher gezogen und glaubten, im Urlaub zu sein, in einer Art Ferienanlage", sagt Rita Stenzel, die in einem der Reihenhäuser wohnt. "Erst nach drei Wochen haben wir begriffen, dass wir für immer hier bleiben müssen."

Mehr als 150 Millionen Euro hat der Konzern für das neue Haidemühl ausgegeben. Damit kann das alte Dorf, gut 30 Kilometer entfernt, nun dem näher rückenden Braunkohletagebau weichen. Man kann sagen, dass die Haidemühler ihre alte Heimat teuer verkauft haben.

Die Freiwillige Feuerwehr erhielt einen massiven Neubau, ein eigenes Biomassekraftwerk ist entstanden, das den Leuten zu günstigen Konditionen Strom liefert. Und weil es im alten Dorf zwei Teiche gab, wurde auch im neuen Dorf ein Fischteich angelegt. Möglichst alles sollte so sein wie vorher und am liebsten noch ein bisschen besser.

Aber haben die Menschen in Haidemühl nun auch ihre neue Heimat gefunden?

"Wir sind hierher gezogen und glaubten, im Urlaub zu sein, in einer Art Ferienanlage", sagt Rita Stenzel, die in einem der Reihenhäuser wohnt. "Erst nach drei Wochen haben wir begriffen, dass wir für immer hier bleiben müssen."

Noch sei das hier alles zu steril, sagt Frau Stenzel. "Mir fehlt es, dass die Leute wie früher auf der Straße stehen und miteinander reden." Die alten Apfelbäume in den großen Gärten, die fehlen ihr auch. Und die neuen brauchen Zeit, zu wachsen.

Einer mag es drastisch: "Das erinnert an eine Kaserne hier. Und es gibt sogar einen Wachturm."

Fast sechshundert Bewohner aus Haidemühl haben sich für das neue Dorf entschieden, fast alle. Der Energiekonzern wollte das, was er eine stille Umsiedlung nennt, ohne große Proteste. Und so geschah es.

Still ist es nun auch heute in dem Dorf. Zehn junge Männer und Frauen sitzen an diesem Tag vor dem riesigen Dorfgemeinschaftshaus. Sie trinken Pfefferminzlikör und Bier. "Man fühlt sich ständig beobachtet", sagt ein Jugendlicher mit grauer Kapuzenjacke. "Früher konnten wir als Jungs einfach mal mit dem Traktor über die Felder heizen."

Den Jungen fehlt die Weitläufigkeit ihres alten Dorfes, die Wälder und Felder ringsum, die zugewachsenen Gärten. "Da konnte man sich auf der Terrasse ungestört sonnen", sagt eine junge Frau. Hier sei man immer im Blick der Nachbarn. Einer mag es drastisch: "Das erinnert an eine Kaserne hier. Und es gibt sogar einen Wachturm."

Er meint den Aussichtssturm, den Vattenfall am höchsten Punkt des Ortes errichten ließ. Am Turm hängen Stoffsegel mit aufgedruckten Fotos aus dem alten Haidemühl, jener Industriegemeinde, die schon fast verschwunden ist. Bilder der Schule, der Fabrik und der Werkswohnungen sind dort zu sehen. Im Ort erinnert sonst kaum etwas an diese Vergangenheit. Die Bürgersteige sind mit rotem Stein akkurat gepflastert, die neuen Straßenlaternen erinnern mit ihrem modischen Design an eine riesige Sicherheitsnadel. Die Architekten haben sich viel Mühe gegeben.

Am Ortsrand wurde ein Wäldchen angelegt, eine "grüne Pufferzone", wie es bei Vattenfall heißt. Dort, wo der Spremberger Ortsteil Sellessen angrenzt. Da haben die Straßen oft gar keine Bürgersteige, und die Häuser sind grau und nicht so leuchtend weiß wie nebenan.

Erst hatten die Leute in Sellessen noch Mitleid mit den entwurzelten Nachbarn, doch mit jedem neuen Haus, das in Haidemühl hochgezogen wurde, wuchs der Neid.

"Die Umsiedlung hat den Lebensstandard der Haidemühler verdoppelt", sagt Dietmar Kiel, der Bürgermeister. Er wohnt in einem Haus am Wald, in einer Straße, die die Leute "Schlossallee" nennen - in Anlehnung an das Monopoly-Spiel. Hier stehen die größten Häuser des Ortes.

Im Monopoly von Haidemühl ist gut zu sehen, wo die geschickten Spieler wohnen.

"Wir haben doch alle gepokert", sagt Kiel, der selbst 36 Jahre in der Kohle gearbeitet hat, zuletzt als Steiger. Er hat offenbar am längsten gepokert, erst im Oktober 2006 ist er als einer der letzten in den neuen Ort gezogen. "Wer später umgezogen ist, konnte ja von den anderen lernen, wie man den Umzug am besten gestaltet." Die Bewohner in den Mietwohnungen am anderen Ende des Ortes sprechen von der "dicken Villa" des Bürgermeisters.

Im Monopoly von Haidemühl ist gut zu sehen, wo die geschickten Spieler wohnen.

Als Meinungsführer im Ort war Bürgermeister Kiel für Vattenfall der wichtigste Mann. Er wurde umworben, doch hat er auch seinen Preis bezahlt. Im Streit mit Bewohnern und Umweltschützern, die Widerstand leisten wollten, erlitt der einstige Amateurboxer zwei Herzinfarkte. Die Bewohner, die ihr altes Haidemühl unter keinen Umständen aufgeben wollten, waren dann die ersten, die gegangen sind.

Die anderen siedelten geschlossen um. Und der Konzern, von dem viele hier ehrfürchtig reden wie früher vom allmächtigen Gutsherren, ließ sich einiges abhandeln. Vattenfall verfuhr nach dem Prinzip "Neu für Alt". Die alten Häuser von Haidemühl wurden so taxiert, als wären es Neubauten, gerade erst entstanden. Viele hatten ihre Eigenheime vor dem Abriss noch renoviert, um deren Wert zu steigern. Auch die Mieter in den alten Werkswohnungen erhielten üppige Umzugshilfen und Möbelgeld. Zudem zahlte Vattenfall noch jedem Dorfbewohner 150 Euro für jedes Lebensjahr im alten Haidemühl - als Schmerzensgeld für den Verlust ihrer Heimat.

Dietmar Kiel sieht den Umzug pragmatisch: "Heimat ist ein Stück Erde. Aber davon hat keiner was, wenn es keine Arbeit gibt", sagt er. Und Arbeit biete eben nur noch die Braunkohle, auch wenn man dafür sein Heimatdorf hergeben muss.

Viele waren mit der Situation und den Möglichkeiten, die sich ihnen jetzt boten, überfordert. Beruf, Familie, all das musste ja auch weiter funktionieren.

In den nächsten Jahren sollen vier weitere Lausitz-Dörfer der Kohle weichen, auch der Nachbarort des alten Haidemühl ist jetzt bedroht. Dagegen wehrt sich eine Initiative von Betroffenen, Lokalpolitikern und Umweltverbänden. Man kann ahnen, wie die Sache wohl ausgehen wird.

Das Vattenfall-Geld, das die Umsiedler des Ortes Haidemühl erhielten, sei eine große Verlockung gewesen. "Viele unserer Leute hatten zum ersten Mal richtig was auf dem Konto", sagt Bürgermeister Kiel. Nur konnten viele mit dem Geld nicht umgehen, erzählen sie im Ort.

Da verbrachten Familien die Ferien in verschiedenen Baumärkten, Möbelhäusern und Küchenstudios. Sie kauften, was das Konto hergab. Und dann stellten sie fest, dass sie die Sachen eigentlich doch nicht brauchen und zunächst einmal ihr Haus fertig stellen müssen. Viele waren mit der Situation und den Möglichkeiten, die sich ihnen jetzt boten, überfordert. Beruf, Familie, all das musste ja auch weiter funktionieren. "Man kam sich plötzlich vor wie vor einem riesigen Berg", sagt Ines Pache, die ein mächtiges Klinkerhaus gebaut hat mit zwei Garagen nebenan. Sie habe gedacht, die anderen sind schneller oder cleverer, die anderen gehen vernünftiger mit ihrem Geld um.

In dieser Phase zogen sich damals viele Bürger zurück, der Blick reichte nur noch bis zum Gartenzaun. Man fragte sich, ob es ein Jägerzaun aus Plaste sein sollte oder vielleicht doch eine Hecke. Man beobachtete die Nachbarn misstrauisch. Wieso konnte der sich eine zweite Garage leisten? Wieso hat der die größere Terrasse? Statussymbole waren auf einmal wichtig. Wer etwas auf sich hielt, legte sich einen Elektrorasenmäher zu, auf dem man sitzend durch den eigenen Garten tuckern konnte.

"Heimat lässt sich nicht so einfach neu bauen"

Die Leute im Dorf trafen sich seltener. Eine Gaststätte gibt es in Haidemühl jetzt nicht mehr. Dafür aber bietet das Gemeindehaus einen weitläufigen Festsaal, eine moderne Kegelanlage mit Digitalanzeige und im Keller einen Schießstand für den Schützenverein. Und in der Sporthalle oben auf dem Hang finden 200 Zuschauer Platz, jeder dritte aus Haidemühl. Aber schon jetzt, nach einem Jahr, zeichnet sich ab, dass der Betrieb der Häuser viel zu kostspielig ist. Deshalb hat der Bürgermeister die Vereine angehalten, das Dorfgemeinschaftshaus auch an Auswärtige zu vermieten.

In diesem zu groß geratenen Gebäude hat auch Dorothe Zacharias ihr Büro. Seit sieben Jahren begleitet die Sozialarbeiterin den Umsiedlungsprozess, sie wird von Vattenfall bezahlt. Letztens ist sie noch einmal mit der Dorfjugend ins alte Haidemühl zurückgekehrt. Ein paar Häuser stehen noch, mit eingeschlagenen Scheiben. Die jungen Leute haben in den Gärten Äpfel gepflückt. Und ein paar von ihnen haben dann noch einige Erinnerungen mitgenommen, bevor die Bagger kommen. Das Schild der alten Kita zum Beispiel. "Heimat lässt sich nicht so einfach neu bauen", sagt Dorothe Zacharias. Sie hofft jedoch, dass die Jugendlichen durch die Umsiedlung aufgeschlossener für Neues geworden sind.

Viele der jungen Leute von Haidemühl haben einen der begehrten Arbeitsplätze bei Vattenfall bekommen. Die jungen Umsiedler werden von dem Unternehmen besonders gern eingestellt. Matthias Klausch arbeitet am Kohlebagger im Tagebau Welzow-Süd. Es kann gut sein, dass er in ein paar Jahren die Überreste seiner alten Heimat eigenhändig abbaggert. Und vielleicht wird er auch in 25 Jahren noch am Bagger stehen. Dann will Vattenfall genau nördlich und südlich des neuen Haidemühl zwei weitere Abraumgebiete erschließen. Hier holt die Kohle die Menschen immer wieder ein.