Lausitzer Rundschau, 20.09.2007

Ein neues Haus bedeutet noch keine neue Heimat

Die Hornoer Pfarrerin Dagmar Wellenbrink im RUNDSCHAU-Gespräch


Mit dem Wort „Umsiedlung“ ist jetzt ein neues Kapitel in der Geschichte der Dörfer Atterwasch, Grabko und Kerkwitz (Spree-Neiße) überschrieben. Zur Fortführung seiner Braunkohleverstromung will der Energiekonzern Vattenfall ab 2020 hier einen von drei neuen Tagebauen aufschließen. Den rund 900 betroffenen Einwohnern hat Vattenfall-Präsident Lars G. Josefsson umfangreiche materielle Entschädigungen versprochen. Aber reicht das aus, den Verlust der Heimat auszugleichen? Die RUNDSCHAU sprach mit Dagmar Wellenbrink, früher Pfarrerin im abgebaggerten Horno.

 

 

Frau Wellenbrink, seit 1994 sind Sie Pfarrerin in Horno. Wie haben Sie die jahrzehntelange Auseinandersetzung zwischen Dorf und Kohle erlebt.

Wir haben in unserem Kirchensprengel in all den Jahren bis zur endgültigen Umsiedlung so vieles erlebt: Schmerzen, Hoffnung, Trauer, Ängste. Lange Jahre hofften wir, auf juristischem Weg durchsetzen zu können, dass unser Dorf verschont bleibt. Und so lebten wir in einem permanenten Schwebezustand. Eine alte Frau, die 1945 aus dem damaligen Strega von jenseits der Neiße vertrieben wurde, sagte mir einmal, dass sie selbst nicht sicher sei, was schlimmer gewesen ist: Innerhalb weniger Minuten das Heimathaus verlassen zu müssen oder hier in Horno vorher jahrelang die Ungewissheit aushalten zu müssen.


Vattenfall hat schon jetzt allen von dem neuen Tagebau Betroffenen versprochen, dass sie materiell durch die Umsiedlung keine Nachteile befürchten müssen. Wovor also sollten die Einwohner von Kerkwitz, Grabko und Atterwasch Angst haben?

Ein neues Haus bedeutet noch keine neue Heimat. Eine junge Frau aus Horno hat mir in der Zeit nach der Umsiedlung gesagt: ,Das ist hier alles wie im Urlaub.‘ Das klingt vielleicht sehr schön, aber es beschreibt auch, wie fremd sich die Menschen in ihrer zwar schönen, aber eben noch nicht heimatlichen Umgebung fühlen. Ich selbst hatte in Horno keinen Grundbesitz und war nur zugezogen. Trotzdem habe selbst ich die Umsiedlung als sehr schmerzhaften Einschnitt erlebt.

Die Dorfbewohner wurden vor der Umsiedlung angegriffen, weil sie sich der Kohle in den Weg stellten, danach mussten sie viel Sozialneid aushalten.


Besucher, die sich heute Neu-Horno anschauen, sehen doch aber sehr viel Schönes.

Viele der Besucher sind sehr angetan. Und einige vermuten sogar, dass hier in den Garagen Fußbodenheizung liegt und alle Familien im Bad goldene Wasserhähne haben. Aber im Ernst: Es gibt kein ,Königreich Horno‘. Alle Bewohner wurden so entschädigt, dass sich niemand besser und niemand schlechter stellte als vorher. Die Dorfbewohner wurden vor der Umsiedlung angegriffen, weil sie sich der Kohle in den Weg stellten, danach mussten sie viel Sozialneid aushalten. Erst jetzt kehrt langsam so etwas wie Normalität ein, aber bis heute sind die Hornoer noch nicht wieder dieselben wie früher.


Und wie hat sich die Kirche von Horno verändert?

Die alte Kirche fehlt den Leuten, so schön der neue Bau auch ist. Ich selbst werde jetzt 63, bin im Vorruhestand und diene der Gemeinde ehrenamtlich als Pfarrerin.


Was raten Sie den Menschen, die ab 2020 von den nächsten Umsiedlungen betroffen sind?

Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es lohnt, bis zuletzt das zu tun, was nottut. Zu säen und zu ernten, das Haus zu pflegen und alles zu unternehmen, um die Lebensqualität so hoch wie möglich zu halten. Das pflegt die eigene Psyche und wird letztlich auch in den Verhandlungen mit Vattenfall honoriert. Nur eines Problems sollte man sich immer bewusst sein: Je stärker man in seinen Garten und sein Haus investiert, ob an Geld oder an Kraft, umso mehr wächst natürlich auch das Heimatgefühl. Der Schmerz am Ende wird größer, um den kommt man also nicht herum.

 

Mit DAGMAR WELLENBRINK sprach Andrea Hilscher