Lausitzer Rundschau, 27.09.2007

Wie sich Kausche in den elf Jahren nach der Umsiedlung verändert hat

Was fehlt, ist der Zusammenhalt


Hinter einem Lärmschutzwall an der Bundesstraße 169 bei Drebkau liegt das neue Kausche (Spree-Neiße). Das alte gibt es nicht mehr. Es war das erste Dorf in der Lausitz, das nach der Wende umgesiedelt worden ist. Etwa 380 Einwohner mussten dem Tagebau Anfang der 90er-Jahre weichen. Die damalige Lausitzer Braunkohle Aktiengesellschaft (Laubag) baute den den Kauschern dafür ein neues Zuhause. Doch selbst nach elf Jahren ist die schöne neue Welt nicht jedem zur Heimat geworden.

«Die Spuren der Kindheit und Jugend sind verschwunden. Doch die Zeit käme sowieso nicht mehr zurück.»

 Die Straße zur Ortsmitte führt vorbei an dreistöckigen Wohn- und modernen Einfamilienhäusern. Kübelpflanzen schmücken die Treppenaufgänge, Blumenkästen die Fenster. Die Straßen sind gesäumt mit Bäumen, Büschen und Hecken. Es sieht gepflegt aus.

Im «Herz» der Siedlung liegt der Dorfplatz mit dem Bürgerhaus und der «Hoffnungskirche» . Alles wirkt neu. An das alte Kausche erinnern nur noch wenige Relikte wie das Kriegerdenkmal, die Gutsmauersteine, mit denen der Dorfplatz gepflastert ist, eine Pumpe und eine Linde. Das Bürgerhaus, das zur einen Hälfte aus Klinkersteinen besteht, soll die Geschichte des Dorfes symbolisieren. Die Klinker widerspiegeln das Vertraute, Vergangene. Der moderne Teil das Neue. Der Uhrenturm ist die Schnittstelle von Vergangenheit und Zukunft.

Die Laubag war großzügig beim Bau des neuen Kausche. Schließlich sollte der Ort zu einem Vorzeigeobjekt sozialverträglicher Umsiedlung werden. Ein zweistelliger Millionenbetrag wurde in Wohnungen, Häuser, in die Kirche – die es im alten Kausche gar nicht gegeben hatte – und in das Bürgerhaus mit seinem Veranstaltungssaal investiert.

Dort findet an diesem sonnigen Montag eine Silberhochzeit statt. «Ja, das ist schon schön hier» , sagt die Kauscherin Inge Dietrich, «doch irgendwie fehlt das Stimmungsvolle» . Im alten Dorf habe es einen Gasthof gegeben, der hatte «Atmosphäre» . Die 53-Jährige ist dennoch zufrieden. «Wären wir zu DDR-Zeiten umgesiedelt worden, hätten wir das alles nicht bekommen.» Was Inge Dietrich aber wirklich fehlt, ist der Zusammenhalt. Im alten Dorf kannte jeder jeden. Jetzt wohnen wir alle viel enger zusammen, aber jeder macht seins. Eine 72-jährige Kauscherin, die ihren Namen nicht nennen will, kann das nur bestätigen. «Es gab viel Neid durch die Umsiedlung. Jeder guckte, was bekommt der, was bekomme ich» , sagt sie. Die ältere Dame mit Einkaufskorb und Taschentuch in der Hand redet bereitwillig. Ihre Augen glänzen, wenn sie von Alt-Kausche erzählen kann. 60 Jahre hatte sie dort gelebt. In einem ziemlich abgewohnten Haus mit Plumpsklo, wie sie selbst sagt. «Doch es war meine Heimat. Hier wohne ich nur.» Sicher sei jetzt alles viel bequemer. Doch ihren alten Kachelofen vermisse sie. Die Wärme sei eine ganz andere gewesen. Jetzt wohnt sie mit ihrem Mann in einer kleinen Zweiraumwohnung mit Balkon und Garten. «Als wir herkamen sah alles noch kahl und tot aus. Jetzt ist draußen ein richtiges Biotop entstanden.» Von ihrer Küche sieht sie es jeden Tag.

«Es gab viel Neid durch die Umsiedlung. Jeder guckte, was bekommt der, was bekomme ich»

Drinnen erinnern sie Fotos an den Ort, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte, an das große Sonnenblumenfeld, die Kolonie-Häuser, die alten Dorfstraßen und die Teiche. «Im alten Kausche lebten wir richtig inmitten der Natur.» Fremden Betrachtern erschließt sich das Idyll nicht in jedem Bild. «Das erkennt man jetzt zwar nicht so genau, aber diese Bäume dort das war eine wunderschöne Allee. Es macht mich traurig, wenn ich mir vorstelle, dass die Bagger einfach darüber hinweggezogen sind.» Die Tränen kommen der 72-Jährigen als sie das Foto eines blühenden Fliederbaums aus ihrem Vorgarten zeigt. «Wie der immer geduftet hat» , erinnert sie sich. Es sind die kleinen Dinge gewesen, die so schön waren und ihr noch immer das Herz brechen, wenn sie daran denkt, dass es das alles nicht mehr gibt.

Der Alt-Kauscher Franz Schicktanz sieht die Umsiedlung pragmatischer. Der 66-Jährige arbeitete damals in der Kohle. «Was sollten wir dagegen machen? Schließlich wollten wir von irgendwas leben. Also mussten wir unsere Heimat opfern» , sagt er. Für ihn hat sich das Leben nach der Umsiedlung dennoch verändert. Das Dorf sei nun kein Dorf mehr. «Das macht aber nüscht» , sagt er, lächelt verschmitzt und fährt auf seinem Fahrrad davon.

Ein paar Meter weiter, auf dem Hof eines Einfamilienhauses ist Manfred Tomaczewski (65) damit beschäftigt, sein Segelboot auf den Transporter zu laden. Er ist auch Umsiedler. Einer der Rund-um-Zufriedenen. «Mir gefällt es hier sehr gut» , betont er. Das alte Kausche vermisse er kaum. «Die Spuren der Kindheit und Jugend sind verschwunden. Doch die Zeit käme sowieso nicht mehr zurück.» So hat sich der sportliche, ältere Mann entschlossen, nach vorn zu blicken und das Beste aus der Umsiedlung zu machen.

«Wir sind zufrieden. Aber wir vermissen die Ruhe und die Weitläufigkeit des alten Dorfes. Jetzt wohnen alle sehr beengt. Die Häuser stehen dicht an dicht.»

So wie die Familie von Anke Pietrowski. Sie baute sich mit ihrem Mann und den zwei Kindern ein Haus, nachdem sie wie die meisten in Alt-Kausche zur Miete gewohnt hatten. Mit einem günstigen Finanzierungsmodell der Laubag sei das möglich gewesen. «Wir sind zufrieden. Aber wir vermissen die Ruhe und die Weitläufigkeit des alten Dorfes. Jetzt wohnen alle sehr beengt. Die Häuser stehen dicht an dicht.» Für die Kinder wäre Alt-Kausche zum Aufwachsen aufregender gewesen, vermutet sie. «Es gab dort viel mehr zu entdecken, viel mehr Tiere. Es war eben wie auf einem richtigen Dorf.» Jetzt gebe es allenfalls ein paar Hunde hinterm Gartenzaun oder Katzen, die über die Straßen schleichen.

Eine zugezogene Kauscherin ist Jennifer Heidrich. Die junge Frau verließ vor drei Jahren ihren drei Kilometer entfernten Heimatort Steinitz, um mit ihrem Freund zusammenzuziehen. «Mir gefällt es in Kausche sehr gut. Es ist alles modern und trotzdem ist noch ein wenig von dem Dorfcharakter erhalten geblieben. Die Leute sind freundlich und man grüßt sich» , erzählt sie. Die 22-Jährige hat in Neu-Kausche sogar einen Job gefunden. Als Kellnerin arbeitet sie in der Gaststätte des Bürgerhauses. Ihr Chef, Stefan Schulze (46), betreibt dort seit acht Jahren die Gastronomie. Das Tagesgeschäft läuft wie überall auf dem Land nicht besonders gut. «Doch wir haben viele Veranstaltungen. Da geht das schon.» Auch wenn der Gastwirt erst später nach Kausche kam, konnte er beobachten wie sich die Einwohnerstruktur in Neu-Kausche verändert hat. «Es sind in den vergangenen Jahren viele Leute hinzugezogen. Ältere Kauscher sind gestorben. Andere igelten sich auch einfach nur ein.» Das habe die Dorfgemeinschaft verändert, sagt er.

«Ganze Reisebusse wurden hierher gekarrt. Es ist wie im Zoo zugegangen. Jeder wollte sehen, was die Leute hier vermeintlich von der Laubag geschenkt bekommen hatten.»

Das neue Dorf und eine Arbeitsstelle lockten auch den heutigen stellvertretenden Ortsbürgermeister Axel Riemer und seine Frau in das neue Kausche. Vor etwa zehn Jahren ließ sich das Paar mit einer Zahnarztpraxis nieder. «Wir haben es nicht bereut und fühlen uns sehr wohl in dieser intakten Gemeinde», sagt der 46-Jährige über seine neue Heimat. Es gebe viele Leute, die etwas auf die Beine stellen – etwa im Seniorenclub, im Karnevals- und Sportverein. «Bunter soll unser Kausche künftig auch noch aussehen» , fügt er hinzu. Die Mietwohnungshäuser erhalten einen neuen Anstrich. «Die Leute beklagten oft, dass das weiß so steril aussehen würde.» Jetzt wird das Örtchen bald in Pastellfarben erstrahlen.

Wie das neue Kausche aussieht hat in den Jahren nach ihrem Einzug nicht nur die Kauscher selbst interessiert. In den Anfangsjahren nach der Umsiedlung mussten sie viel aushalten, sagt Gastwirt Stefan Schulze. «Ganze Reisebusse wurden hierher gekarrt. Es ist wie im Zoo zugegangen. Jeder wollte sehen, was die Leute hier vermeintlich von der Laubag geschenkt bekommen hatten.»

Zum Thema: Umsiedlungen in der Lausitz

Der Braunkohletagebau in der Lausitz hat seit 1924 die Abbaggerung und Umsiedlung unzähliger Dörfer erfordert. Neu-Laubusch war der erste Ort in der Lausitz, der abgebaggert wurde. Seither verschwanden weitere 80 Dörfer von der Landkarte. Bis zur Wende war dabei von «sozialverträglicher» Umsiedlung nie die Rede. Der Ort Kausche (Spree-Neiße) stellt einen neuen Meilenstein in der Geschichte der Umsiedlungen dar. Es war das erste von vier Lausitzer Dörfern, die seit der Wende umgesiedelt worden sind und deren Einwohner entschädigt wurden. Kürzlich hat Vattenfall beschlossen, einen von drei neuen Tagebauen aufzuschließen. Den rund 900 betroffenen Einwohnern der Dörfer Atterwasch, Kerkwitz und Grabko (Spree-Neiße) hat Vattenfall-Präsident Lars G. Josefsson schon jetzt umfangreiche materielle Entschädigungen versprochen.

 


Von Jana Tschitschke